Montag, 23. März 2009
behindertenparkausweis? ist doch lächerlich!
die parkwächter in budapest sind ein eigenartiges völkchen. abgesehen davon, daß viele die grundschule nicht abgeschlossen und deshalb nicht einmal wirklich lesen können, verhalten sie sich nicht freundlich, sondern äußerst präpotent. sie spekulieren oft mit der unaufmerksamkeit der autofahrer (es werden strafzettel verteilt, auf denen sich die autonummer um eine ziffer von jener des parkenden autos unterscheidet - in der hoffnung, daß man die strafe einzahlt (ist mir auch schon passiert), und wirtschaften in die eigene tasche - es genügt ein zettel hinter der windschutzscheibe, in welchem laden sich der fahrer gerade aufhält; neuerdings werden neben strafen, die gar nicht ans auto geheftet werden (das bringt im späteren dann mehr: mahnung usw.), von vielen parkwächtern auch autos mit behindertenparkausweis gestraft. fakt ist, daß hier viele mit gefälschten oder gestohlenen ausweisen parken (bekannten, die berechtigterweise einen ausweis hatten, wurde deswegen das fenster eingeschlagen) - diese ausweise sieht man hinter der windschutzscheibe von neuen bmws, mercedes, geländewagen; aber ist das die lösung? alle mit behindertenausweisen zu strafen; mit so fadenscheinigen begründungen wie ausweis nicht überprüfbar, seriennummer nicht sichtbar usf.? und wie können sich einfache parkwächter anmaßen, zwischen gut und böse unterscheiden zu können - durch glas hindurch und des lesens kaum mächtig?
Dienstag, 10. März 2009
geschwindigkeitsbeschränkungen sind sinnlos!
bei so einer überschrift möchte man fast an die deutschen autobahnen denken; es geht aber hier um eine novellierung der ungarischen stvo und zwar dergestalt, daß die polizei dem verkehrsministerium vorgeschlagen hat, bei ungesicherten fußgängerübergängen den autofahrern gesetzlich vorzuschreiben, die geschwindigkeit auf höchstens 30 kmh zu verringern. diese gesetzesvorlage hat eine konkrete vorgeschichte (wer hier in ungarn verkehrt, weiß, daß autofahrer nur dann vor dem zebrastreifen stehenbleiben, wenn die hölle einfriert): letztes jahr war auf einem zebrastreifen in pécs eine großmutter, die einen kinderwagen schob, mit ihrem enkel zu tode gefahren worden. vor einigen tagen wurde ein älteres ehepaar in budapest auf dem zebrastreifen todgefahren.
das verkehrsministerium hat diesen gesetzesvorschlag mit der begründung zurückgeschmettert, daß sich an diese vorschrift, wie an die vorschrift vor bahnübergängen die geschwindigkeit zu reduzieren, sowieso keiner halten wird. republik schilda oder nicht?
das verkehrsministerium hat diesen gesetzesvorschlag mit der begründung zurückgeschmettert, daß sich an diese vorschrift, wie an die vorschrift vor bahnübergängen die geschwindigkeit zu reduzieren, sowieso keiner halten wird. republik schilda oder nicht?
Mittwoch, 4. März 2009
Wie viel man in Ungarn verdient
In Ungarn gibt es ein Mindestgehalt, das bezahlt werden muß. Es liebt bei ungefähr 50.000 Forint (162 €) für Leute ohne Hochschulabschluß, wenn man Hochschulabschluß hat, beträgt es ungefähr das Doppelte.
Nach sieben Jahren Unterricht an der Uni verdiene ich 106.000 Ft. (ca. 344 Euro) Zusammen mit dem Karenzgeld meiner besseren Hälfte (rund 20.000 Ft. ~ 65 Euro), verfügen wir also monatlich über 409 Euro, um unser Leben zu bestreiten.
Kosten für Miete fallen keine an, weil die Wohnung vor einigen Jahren aus lange erspartem Geld erworben wurde.
104 € Betriebskosten (Heizung, Wasser)
23 € Strom
3 € Gas (zum Kochen)
130 € Nahrungsmittel (nichts Exklusives: Kartoffel, Fleisch, Käse, wenig Gemüse, viel Reis)
23 € Internet
29 € Festnetztelefon, Handys
46 € Garage
50 € Autoversicherung
49 € Zigaretten
6 € Haushaltsversicherung
0 € Kleidung, Kultur, Benzin, Reparaturen
463 € insgesamt
Wir haben also ein Minus von 54 €. Ja, das könnte man zB. mit den Zigaretten einsparen. Dann wäre man aber immer noch erst bei pari und es wäre immer noch kein Geld für Kultur, Kleidung, Benzin, Reparaturen, Medikamente oder gar Urlaub vorhanden. Ich gehöre in Ungarn zu denen, die nicht so schlecht verdienen.
Nach sieben Jahren Unterricht an der Uni verdiene ich 106.000 Ft. (ca. 344 Euro) Zusammen mit dem Karenzgeld meiner besseren Hälfte (rund 20.000 Ft. ~ 65 Euro), verfügen wir also monatlich über 409 Euro, um unser Leben zu bestreiten.
Kosten für Miete fallen keine an, weil die Wohnung vor einigen Jahren aus lange erspartem Geld erworben wurde.
104 € Betriebskosten (Heizung, Wasser)
23 € Strom
3 € Gas (zum Kochen)
130 € Nahrungsmittel (nichts Exklusives: Kartoffel, Fleisch, Käse, wenig Gemüse, viel Reis)
23 € Internet
29 € Festnetztelefon, Handys
46 € Garage
50 € Autoversicherung
49 € Zigaretten
6 € Haushaltsversicherung
0 € Kleidung, Kultur, Benzin, Reparaturen
463 € insgesamt
Wir haben also ein Minus von 54 €. Ja, das könnte man zB. mit den Zigaretten einsparen. Dann wäre man aber immer noch erst bei pari und es wäre immer noch kein Geld für Kultur, Kleidung, Benzin, Reparaturen, Medikamente oder gar Urlaub vorhanden. Ich gehöre in Ungarn zu denen, die nicht so schlecht verdienen.
Montag, 2. März 2009
Ungarn - Hass und Antisemitismus fest verankert
Seit in Ungarn rechtsextreme Gruppen immer öfter auf die Straße gehen, beschäftigt sich auch die Innenpolitik mit Fremdenhass und Antisemitismus. Eine aktuelle Studie zeigt, rechtsextremes Gedankengut ist weit verbreitet.
Von Reinhold Vetter
In einer neuen, repräsentativen Studie weist der Budapester Soziologe Pal Tamas nach, dass rechtsradikale Ideologie nicht nur von rechtsextremistischen Randgruppen verbreitet wird, sondern in Teilen der ungarischen Gesellschaft tief verankert ist. "Wir finden solche Denkmuster in allen politischen Lagern", sagt Tamas. Damit seien sie ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung vorgedrungen.
Knapp 16 Prozent der von ihm und seinen Mitarbeitern Befragten meinten, dass ihre politischen Auffassungen extrem rechts seien. Weitere 29 Prozent definierten ihren Standpunkt als rechts von der Mitte. In der Studie wird auch nachgewiesen, dass gerade Teile der Wählerschaft der großen Parteien für Fremdenhass und Antisemitismus anfällig sind. Das gelte für 50 Prozent der Wähler der Partei Fidesz und 30 Prozent der Wähler der sozialdemokratischen MSZP. Die oppositionelle, konservative Bürgerbewegung Fidesz des früheren Regierungschefs Viktor Orban kommt in den aktuellen Parteiumfragen auf etwa 40 Prozent, die sozialistische MSZP von Premier Ferenc Gyurcsany auf gut 20 Prozent.
Aber nicht nur die Parteien sind Einfallstore für rechtsextremes Gedankengut. Auch einflussreiche Medien wie der private Fernsehsender Echo TV und die Tageszeitung "Magyar Hirlap" verbreiten Xenophobie und Antisemitismus. Bei einer Tagung des Budapester Forschungsinstituts "Demos Hungary" über "Rechtsradikalismus und Medien" erklärte die Soziologin Judit Barta: "Im Vergleich mit der gesamten EU gibt es in Ungarn ein überdurchschnittlich einflussreiches Mediennetzwerk, das rechtsradikale Ideologie präsentiert."
Hass auf "die Roma"
Im Zentrum dieser Ideologie steht der Hass auf die Roma. 69 Prozent der von Pal Tamas und seinen Mitarbeitern Befragten nannten diese gerade auch in Ungarn sehr zahlreiche Minderheit "asozial" und "ungarnfeindlich". Virulent ist außerdem der Antisemitismus. Die von Tamas vertretene Einschätzung, dass jeder dritte Ungar judenfeindliche Meinungen vertrete, wird auch von den Wissenschaftlern anderer Budapester Forschungsinstitute wie Tarki geteilt. Beide Phobien korrespondieren mit einer allgemeinen Ablehnung gegenüber Ausländern und sonstigen "Fremden".
Fragt man nach den Hintergründen, dann verweisen Wissenschaftler insbesondere auf zwei Aspekte. Zum einen, so heißt es, seien bestimmte Denkmuster aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen bis heute wirksam. Daran hätten auch die Jahrzehnte realsozialistischer Herrschaft kaum etwas geändert. Zum anderen fühlten sich viele Ungarn durch die Auswirkungen der Globalisierung, des internationalen Kapitaltransfers und der EU-Mitgliedschaft ihres Landes in ihrer Existenz bedroht. "Sie fühlen sich als Opfer und machen dafür Schichten der Gesellschaft verantwortlich, die sie als nicht ungarisch empfinden", sagt die Budapester Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky.
Da viele Wähler, die für rechtsextremes Gedankengut anfällig sind, den großen Parteien treu bleiben, hatten die kleinen rechtsextremistischen Gruppen wie "Jobbik" und "Ungarische Garde" keine Chance, ins Parlament einzuziehen. Bei der letzten Parlamentswahl bekamen sie zusammen etwa zwei Prozent der Stimmen. Viele Wähler denken radikal, aber sie lehnen Randalieren ab. Und diese Gruppierungen zeichnen sich ja gerade durch gewalttätiges Auftreten in den Straßen ab. "Sie sind somit in erster Linie ein Problem der öffentlichen Sicherheit", sagt Gabor Györi von "Demos Hungary".
Drohungen gegen Richterin
Der Prozess wegen eines möglichen Verbots der "Ungarischen Garde" zieht sich allerdings seit Monaten hin. Die Richterin, die ursprünglich das Verfahren leitete, wurde ausgetauscht, nachdem sie massiv durch die rechtsextreme Szene bedroht worden war. Aber es gibt auch juristische Hindernisse. So hat das ungarische Verfassungsgericht die Anwendung des Paragrafen, der Hetze gegen die Gemeinschaft und gegen Minderheiten unter Strafe stellt, von weitreichenden Bedingungen abhängig gemacht. Dazu zählt die Festlegung, dass derlei Straftaten "vor einer großen Öffentlichkeit" ausgeführt werden müssen, was sich nicht immer für das Auftreten der rechtsextremistischen Gruppen nachweisen lässt.
Diejenigen Wähler, die rechts- oder gar rechtsextrem denken, sind ein Potenzial, auf das die großen Parteien nicht verzichten wollen. Das gilt besonders für die bürgerlich-konservative Oppositionspartei Fidesz, die zwar Auswüchse der rechtsextremistischen Szene kritisiert, sich aber nie systematisch von ihr abgegrenzt hat. Fidesz-Chef Orban machte wiederholt die verharmlosende Bemerkung: "Man sollte ihnen ein paar Ohrfeigen geben und sie nach Hause schicken." Auch einzelne Fidesz-Funktionäre sind nicht frei von antisemitischen Denkweisen.
Ungarns sozialistischer Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany hat immerhin im Sommer die "Ungarische Demokratische Charta" initiiert, die seither wiederholt öffentlich gegen die rechtsextreme Szene aufgetreten ist. Aber das allein ist noch kein wirksames Mittel gegen Phobien wie Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus, von denen auch so mancher seiner Parteigenossen nicht frei ist.
Insgesamt ist der Widerstand engagierter Bürger gegen das Auftreten rechtsextremer Propheten und deren Einfluss noch relativ schwach. "Betroffene Gruppen der Gesellschaft müssen also weiter mit ihrer Angst leben", sagt Gabor Györi von "Demos Hungary".
Dieser Artikel erschien am 7.Oktober 2008 im Handelsblatt. Wir bedanken uns für die freundliche Unterstützung.
http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/ungarns-rechtsextreme-auf-dem-vormarsch
Von Reinhold Vetter
In einer neuen, repräsentativen Studie weist der Budapester Soziologe Pal Tamas nach, dass rechtsradikale Ideologie nicht nur von rechtsextremistischen Randgruppen verbreitet wird, sondern in Teilen der ungarischen Gesellschaft tief verankert ist. "Wir finden solche Denkmuster in allen politischen Lagern", sagt Tamas. Damit seien sie ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung vorgedrungen.
Knapp 16 Prozent der von ihm und seinen Mitarbeitern Befragten meinten, dass ihre politischen Auffassungen extrem rechts seien. Weitere 29 Prozent definierten ihren Standpunkt als rechts von der Mitte. In der Studie wird auch nachgewiesen, dass gerade Teile der Wählerschaft der großen Parteien für Fremdenhass und Antisemitismus anfällig sind. Das gelte für 50 Prozent der Wähler der Partei Fidesz und 30 Prozent der Wähler der sozialdemokratischen MSZP. Die oppositionelle, konservative Bürgerbewegung Fidesz des früheren Regierungschefs Viktor Orban kommt in den aktuellen Parteiumfragen auf etwa 40 Prozent, die sozialistische MSZP von Premier Ferenc Gyurcsany auf gut 20 Prozent.
Aber nicht nur die Parteien sind Einfallstore für rechtsextremes Gedankengut. Auch einflussreiche Medien wie der private Fernsehsender Echo TV und die Tageszeitung "Magyar Hirlap" verbreiten Xenophobie und Antisemitismus. Bei einer Tagung des Budapester Forschungsinstituts "Demos Hungary" über "Rechtsradikalismus und Medien" erklärte die Soziologin Judit Barta: "Im Vergleich mit der gesamten EU gibt es in Ungarn ein überdurchschnittlich einflussreiches Mediennetzwerk, das rechtsradikale Ideologie präsentiert."
Hass auf "die Roma"
Im Zentrum dieser Ideologie steht der Hass auf die Roma. 69 Prozent der von Pal Tamas und seinen Mitarbeitern Befragten nannten diese gerade auch in Ungarn sehr zahlreiche Minderheit "asozial" und "ungarnfeindlich". Virulent ist außerdem der Antisemitismus. Die von Tamas vertretene Einschätzung, dass jeder dritte Ungar judenfeindliche Meinungen vertrete, wird auch von den Wissenschaftlern anderer Budapester Forschungsinstitute wie Tarki geteilt. Beide Phobien korrespondieren mit einer allgemeinen Ablehnung gegenüber Ausländern und sonstigen "Fremden".
Fragt man nach den Hintergründen, dann verweisen Wissenschaftler insbesondere auf zwei Aspekte. Zum einen, so heißt es, seien bestimmte Denkmuster aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen bis heute wirksam. Daran hätten auch die Jahrzehnte realsozialistischer Herrschaft kaum etwas geändert. Zum anderen fühlten sich viele Ungarn durch die Auswirkungen der Globalisierung, des internationalen Kapitaltransfers und der EU-Mitgliedschaft ihres Landes in ihrer Existenz bedroht. "Sie fühlen sich als Opfer und machen dafür Schichten der Gesellschaft verantwortlich, die sie als nicht ungarisch empfinden", sagt die Budapester Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky.
Da viele Wähler, die für rechtsextremes Gedankengut anfällig sind, den großen Parteien treu bleiben, hatten die kleinen rechtsextremistischen Gruppen wie "Jobbik" und "Ungarische Garde" keine Chance, ins Parlament einzuziehen. Bei der letzten Parlamentswahl bekamen sie zusammen etwa zwei Prozent der Stimmen. Viele Wähler denken radikal, aber sie lehnen Randalieren ab. Und diese Gruppierungen zeichnen sich ja gerade durch gewalttätiges Auftreten in den Straßen ab. "Sie sind somit in erster Linie ein Problem der öffentlichen Sicherheit", sagt Gabor Györi von "Demos Hungary".
Drohungen gegen Richterin
Der Prozess wegen eines möglichen Verbots der "Ungarischen Garde" zieht sich allerdings seit Monaten hin. Die Richterin, die ursprünglich das Verfahren leitete, wurde ausgetauscht, nachdem sie massiv durch die rechtsextreme Szene bedroht worden war. Aber es gibt auch juristische Hindernisse. So hat das ungarische Verfassungsgericht die Anwendung des Paragrafen, der Hetze gegen die Gemeinschaft und gegen Minderheiten unter Strafe stellt, von weitreichenden Bedingungen abhängig gemacht. Dazu zählt die Festlegung, dass derlei Straftaten "vor einer großen Öffentlichkeit" ausgeführt werden müssen, was sich nicht immer für das Auftreten der rechtsextremistischen Gruppen nachweisen lässt.
Diejenigen Wähler, die rechts- oder gar rechtsextrem denken, sind ein Potenzial, auf das die großen Parteien nicht verzichten wollen. Das gilt besonders für die bürgerlich-konservative Oppositionspartei Fidesz, die zwar Auswüchse der rechtsextremistischen Szene kritisiert, sich aber nie systematisch von ihr abgegrenzt hat. Fidesz-Chef Orban machte wiederholt die verharmlosende Bemerkung: "Man sollte ihnen ein paar Ohrfeigen geben und sie nach Hause schicken." Auch einzelne Fidesz-Funktionäre sind nicht frei von antisemitischen Denkweisen.
Ungarns sozialistischer Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany hat immerhin im Sommer die "Ungarische Demokratische Charta" initiiert, die seither wiederholt öffentlich gegen die rechtsextreme Szene aufgetreten ist. Aber das allein ist noch kein wirksames Mittel gegen Phobien wie Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus, von denen auch so mancher seiner Parteigenossen nicht frei ist.
Insgesamt ist der Widerstand engagierter Bürger gegen das Auftreten rechtsextremer Propheten und deren Einfluss noch relativ schwach. "Betroffene Gruppen der Gesellschaft müssen also weiter mit ihrer Angst leben", sagt Gabor Györi von "Demos Hungary".
Dieser Artikel erschien am 7.Oktober 2008 im Handelsblatt. Wir bedanken uns für die freundliche Unterstützung.
http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/ungarns-rechtsextreme-auf-dem-vormarsch
Rechtsextremismus in Ungarn: Zunehmend gewalttätig gegen Roma, Liberale und Juden
In Ungarn finden derzeit allwöchentlich "Demonstrationen" statt, die mit Lynchstimmung verbunden sind. Das "Blood & Honour"-Treffen Mitte Februar gehört dabei inzwischen zu den gemäßigteren Veranstaltungen.
Von Magdalena Marsovszky, Budapest
Während Mitte Februar in Dresden 6.000 Neonazis aufmarschierten, fand zeitgleich in Budapest das internationale "Blood & Honour"-Treffen statt, das entsprechend auch internationale Aufmerksamkeit erregt. Dabei ist dies bei weitem nicht die größte völkische und nazional-sozialistische "Demonstration" in Ungarn. Das Land und vor allem Budapest sind seit vielen Jahren Schauplatz von "Mobilisierungskampagnen" gegen "Juden" und "Zigeuner". Auch das Wochenende 13. und 14. Februar 2009 verging nicht ohne Angst und Lynchstimmung und viele meinen, dass Ungarn "nur noch Minuten" vom Ausbruch einer Gewaltwelle entfernt ist.
"Blood & Honour" auf dem Heldenplatz
International das meiste Aufsehen erregt immer wieder die seit 1997 von der "Blood & Honour Hungaria" organisierte Gedenkfeier zur Erinnerung an den 11. Februar 1945, genannt "Tag der Ehre", als mehrere zehntausend deutsche und ungarische Soldaten den Ausbruch aus der von der Roten Armee eingekesselten Burg von Budapest versuchten. Nur siebenhundert erreichten deutsch-ungarischen Frontlinien. Die Mehrzahl starb oder wurde gefangen genommen. Die Gedenkfeier fand dieses Jahr am 14. Februar statt und, wie in den Jahren zuvor, inmitten von Budapest, auf dem Heldenplatz.
Die Organisatoren dürften rechtlich gesehen gar nicht mehr existieren, denn sowohl die Bewegung "Blood & Honour Hungaria" als auch ihre Nachfolgeorganisation "Pax Hungarica" wurden vor einigen Jahren rechtskräftig aufgelöst. Der Antrag für die Veranstaltung wird deshalb seit Jahren "von einer Privatperson", nämlich von János Endre Domonkos, eingereicht, der an verschiedenen anderen national-sozialistischen Veranstaltungen in Ungarn als der Führer von "B&H Hungaria" oder als der von "Pax Hungarica" auftritt. Hinzukommt, dass die Polizei "das Hausrecht" im öffentlichen Raum am Heldenplatz "den Organisatoren" überließ, das heißt, dass nicht die staatliche Instanz, sondern jene "Organisatoren" bestimmten, welche Journalisten die Absperrzone zwischen den zwei Kordonen betreten durften, was ein Schlag ins Gesicht des demokratischen Rechtsstaates war.
Die Gegenkräfte sind schwach
Trotz eisiger Temperaturen versammelten sich knapp zweitausend ungarische, deutsche, italienische, slowenische, slowakische, tschechische, schwedische und englische Neonazis. Mit Widerstand mussten sie nicht rechnen, da die Antifaschisten in Ungarn sehr schwach sind. Dies ist einerseits der fortschreitenden Gewaltbereitschaft den "Antifas" gegenüber zuzuschreiben, andererseits der Tatsache, dass die "Antifaschisten" selbst vielfach verkürzt antikapitalistisch und antiglobalistisch, also mit Verschwörungstheorien argumentieren, ganz in der Art, die von der Wissenschaft als "Antisemitismus von links" bezeichnet wird. Traditioneller christlicher Antijudaismus, völkisches, autoritäres Denken, hegemoniale Strukturen, also ein Vielfaches an Demokratiedefizit potenzieren sich gegenseitig seit vielen Jahrzehnten in Ungarn und münden in der Militarisierung der Gesellschaft.
Zweitausend Neonazis hatten freies Spiel
Auch zu der Gedenkfeier "Day of Honour" erschienen zwar zwei Dutzend Antifaschisten, doch diese verstummten bald, und der Platz wurde gänzlich den Nazis überlassen. Sie und weitere 200 Sympathisanten, die außerhalb der Absperrzone standen, hörten den Reden zu, klatschten und sangen die ungarische und alle Strophen der deutschen Hymne mit. Neben internationalen Gästen, wie Stephen Swinfen ("B&H England") und Ralf Tegethoff aus Deutschland, die sich eher kurz hielten, sprachen der erste und zweite Mann von "B&H Hungaria", der bereits erwähnte János Endre Domonkos und Zoltán Illés länger.
Haupthetze: Antisemitismus und Antiziganismus
Den "Antifas" dürfte nicht bewusst sein, wie sehr ihre Argumente denen von Illés ähneln, wenn er die Schuld für die Misere in Europa und in Ungarn einer "internationalen Geldmacht" in die Schuhe schiebt, wie er das am "Tag der Ehre" tat. "Unsere Völker werden mit bewusst niederträchtigen Methoden zum Aussterben gebracht", fügte er hinzu. Dagegen helfe nur die internationale Vernetzung des national-sozialistischen Widerstandes, meinte János Endre Domonkos, deren Grundlage die Verbundenheit der beiden größten Nationen Europas, die "Deutsch-Ungarische Freundschaft" sei. "Dieser Bund wurde nicht auf dem Papier besiegelt" - sagte er, sondern "mit dem Blut deutscher und ungarischer Soldaten". Eine echte Blutsbruderschaft sei das, die unabhängig von Politikern und politischen Systemen in den Seelen beider Völker weiter lebe. "Möge aus dem Blut der gefallenen Helden ein neuer Trieb entstehen: das Europa der freien Nationen!" - rief er der Menge zu.
Treffen rechter ungarischer Gruppierungen
Von ungarischer Seite waren diesmal auch eine Gruppe der von der rechtsradikalen Jobbik (Partei für ein besseres, rechteres, richtigeres Ungarn) gegründeten paramilitärischen "Ungarischen Garde", die völkische "Jugendbewegung Vierungsechzig Komitate" (HVIM) mit László Toroczkai und die ebenfalls völkische "Bewegung Magyarische Selbstverteidigung" (MÖM) mit Géza Kovács vertreten, die regelmäßig gegen die "Herrschaft der Juden" und gegen die "Zigeunerkriminalität" demonstrieren und marschieren und oft viel mehr als zweitausend Sympathisanten zusammentrommeln können.
Tausende Demonstrationsteilnehmer für Hetze gegen Juden, Roma oder Homosexuelle sind keine Seltenheit
In der Relation zu anderen national-sozialistischen Veranstaltungen in Ungarn muss deshalb leider festgestellt werden, dass die Gedenkfeier zum "Tag der Ehre" inzwischen eher zu den kleineren und gemäßigteren gehört. Versammlungen mit zwei- bis dreitausend Teilnehmern, an denen offene antisemitische, antiziganistische und homophobe Hetze stattfindet, sind keine Seltenheit, wobei Ungarn um die 10 Millionen Einwohner hat. Am völkischen "Kulturfestival" mit der Bezeichnung "Magyarische Insel", das jeden August von der erwähnten "Jugendbewegung Vierungsechzig Komitate" (HVIM) veranstaltet wird, kommen sogar regelmäßig über zehntausend Menschen zusammen.
Die bürgerlichen Parteien heizen die Stimmung an, statt entgegen zu steuern
Gespeist wird diese Denkweise von den großen völkischen Parteien, der Fidesz-Bürgerlichen Union (Fidesz-MPSZ), der Christlich Demokratischen Volkspartei (KDNP) und von den völkischen Medien in ihrem Umkreis, deren Politik und Kommunikation vor allem daraus besteht, die Dichotomie zwischen "WIR" und "SIE" permanent lebendig zu halten.
Gerade am Freitag, dem 13. Februar, fand vor dem Parlament eine "Demonstration für die Pressefreiheit" statt, die von der Fidesz- und KDNP-nahen Tageszeitung "Magyar Hírlap" (Ungarisches Nachrichtenblatt) einberufen wurde. Für Sicherheit sorgte auch diesmal nicht die Polizei, sondern "unsere Garde für Ordnung", wie die deklariert arische Motorraddivision "Goj-Motorradfahrer" vom Chefredakteur bezeichnet wurde.
Ungarn vor einer "völkischen Wende"?
Hauptredner war der Eigentümer des Blattes, der Medienmagnat, Forintmilliardär und ehrenamtlicher Präsident der Ungarischen Arbeitgeber- und Industriellenvereinigung (MGYOSZ), Gábor Széles, der in einer künftigen, von Fidesz geleiteten Regierung als Wirtschaftsminister gehandelt wird. Der völkische Druck auf die Minderheitenregierung der Sozialisten ist so groß, dass man im Grunde jeden Moment mit einer "völkischen Wende" rechnen muss. Széles, dem auch das EchoTV gehört, steckte bereits über dreieinhalb Milliarden in sein Medienprojekt und ist zu weiteren Investitionen bereit, um diesen Prozess voranzutreiben.
Unter den Scharfmachern: Viele Medienmenschen
Ein weiterer Redner der "Demostration für die Pressefreiheit" war der "patriotische" Starjournalist Sándor Pörzse, Gründungsmitglied der Ungarischen Garde, der im EchoTV eine Sendung produziert, die regelmäßig mit folgendem, eingeblendetem Zitat endet: "Wie sehr auch in unseren heiligen Saaten fremde Rassen /.../ wühlen, /.../ mich durchdringt ein Gefühl: Ich bin ein Magyare, bete meine Rasse an und werde mich nicht ändern, eher sterbe ich!"
Ein anderer bekannter Starjournalist von Magyar Hirlap, Zsolt Bayer, guter Freund des Oppositionsführers Viktor Orbán, Gründungsmitglied der Fidesz-Bürgerlicher Union (heute ohne Parteibuch), redete zum Schluss. Er produziert eine Sendereihe im EchoTV mit dem Titel "Mélymagyar", was ein Ausdruck aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ist und so viel heißt wie "Wurzelecht" oder "Rassenrein". An der "Demonstration" währte er sich gegen den Vorwurf des Antiziganismus und forderte, dass man die Dinge beim Namen nennen und das Wort "Zigeunerkriminalität" aussprechen könne. Er war es übrigens, der mit einem seiner Artikel die neuerliche Welle der Aggression auslöste. Nach einem von einem Roma verübten Mord an einem bekannten Sportler schrieb er in seinem Artikel, die Täter seien "keine Menschen, sondern mörderische Tiere, die uns ins Verderben stürzen wollen".
Sogar der Ministerpräsident warnt vor der Zeitung "Magyar Hírlap"
Als Reaktion darauf und auf die permanente Hetze seitens des Blattes forderte der sozialistische Ministerpräsident Gyurcsány, übrigens als erster Staatsmann der Nachwendezeit mit einer klaren Haltung gegen den Rassismus, alle staatlichen Unternehmen und Institutionen auf, ihre Abonnements von "Magyar Hírlap" zu kündigen und im Blatt keine Anzeigen mehr zu schalten. Dies sei "verfassungsfeindliche Verletzung der Pressefreiheit und der freien Meinungsäußerung", bezeichnete der Chefredakteur des Blattes Gyurcsánys Schritte, und meinte, man müsse sich gegen sie währen. Da auch der Oppositionsführer Viktor Orbán, Vorsitzender der Partei mit der größten Wählerpotanzial, voll hinter dem Blatt steht und vor "Roma-Straftätern" warnt, fühlten sich alle Redner bestätigt.
Gewalttaten gegen Roma und liberale Politiker nehmen zu
Der Bürgerrechtler, der im Juli letzten Jahres vor Morde warnte, sollte inzwischen Recht behalten. Häuser von Roma und von sozialliberalen Politikern werden immer wieder mit Molotowcocktails beworfen, wobei in den letzten drei Monaten vier Roma erschossen wurden, als sie gerade aus ihren brennenden Häusern flohen.
Hinter der "Zigeunerkriminalität" stünden die Sozialisten, die Liberalen und die ungarische liberale Intelligenz, sagte Bayer, deren Absicht es sei, Magyaren und Zigeuner gegeneinaner auszuspielen. Wenn man den Diskurs in Ungarn kennt, weiß man, dass hier - nach der Antisemitismustheorie - die Sozialisten, die Liberalen und die liberale Intelligenz im Bild des "kollektiven Juden" erscheinen, der als idealer Feind im Hintergrund die Fäden zieht und den es auszuschalten gilt.
Antisemitische Verschwörungstheorien als Grundlage
Dies kann durch ein Gespräch bestätigt werden, dass im EchoTV vor zwei Monaten zu sehen war. Auf die Frage des erwähnten Journalisten Pörzse, ob die "Hetze gegen die Zigeuner" von der gegenwärtigen sozialistischen Regierung ausgehe, sagte ein ehemaliger Polizeipsychologe: "Ja, die Hetze läuft gegen das Magyarentum. Die wollen einen Bürgerkrieg zwischen den Zigeunern und den Magyaren provozieren, damit sich die Mossad-Leute ins Fäustchen lachen können. Man muss wissen, dass Gyurcsány im Oktober 2006 die Instruktionen, wie er mit der Attake umgehen soll, direkt von Tel Aviv bekommen hat."
Und wie konkret nach alledem auch dieses Feindbild bestimmt werden kann, gegen das sich die Agression richtet, sprach die Kandidatin der rechtsradikalen Partei Jobbik für die EU-Wahlen, Dr. Krisztina Morvai, aus. Während sie sich an der "Demostration für die Pressefreiheit" eher zurückhielt, drohte sie an einer anderen Großdemonstration vor mehreren Tausend Menschen im September 2008: "Hat denn diese Rasse - habt Ihr keine Angst? Mein letzter Rat an die liberal-bolschewiken Zionisten, die unser Land ausraubten ist, sich damit zu beschäftigen, wohin sie fliehen und wo sie sich verstecken! Denn, es gibt keine Gnade!"
27.02.2009
(http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/rechtsextremismus-ungarn-gewalttaetig)
Von Magdalena Marsovszky, Budapest
Während Mitte Februar in Dresden 6.000 Neonazis aufmarschierten, fand zeitgleich in Budapest das internationale "Blood & Honour"-Treffen statt, das entsprechend auch internationale Aufmerksamkeit erregt. Dabei ist dies bei weitem nicht die größte völkische und nazional-sozialistische "Demonstration" in Ungarn. Das Land und vor allem Budapest sind seit vielen Jahren Schauplatz von "Mobilisierungskampagnen" gegen "Juden" und "Zigeuner". Auch das Wochenende 13. und 14. Februar 2009 verging nicht ohne Angst und Lynchstimmung und viele meinen, dass Ungarn "nur noch Minuten" vom Ausbruch einer Gewaltwelle entfernt ist.
"Blood & Honour" auf dem Heldenplatz
International das meiste Aufsehen erregt immer wieder die seit 1997 von der "Blood & Honour Hungaria" organisierte Gedenkfeier zur Erinnerung an den 11. Februar 1945, genannt "Tag der Ehre", als mehrere zehntausend deutsche und ungarische Soldaten den Ausbruch aus der von der Roten Armee eingekesselten Burg von Budapest versuchten. Nur siebenhundert erreichten deutsch-ungarischen Frontlinien. Die Mehrzahl starb oder wurde gefangen genommen. Die Gedenkfeier fand dieses Jahr am 14. Februar statt und, wie in den Jahren zuvor, inmitten von Budapest, auf dem Heldenplatz.
Die Organisatoren dürften rechtlich gesehen gar nicht mehr existieren, denn sowohl die Bewegung "Blood & Honour Hungaria" als auch ihre Nachfolgeorganisation "Pax Hungarica" wurden vor einigen Jahren rechtskräftig aufgelöst. Der Antrag für die Veranstaltung wird deshalb seit Jahren "von einer Privatperson", nämlich von János Endre Domonkos, eingereicht, der an verschiedenen anderen national-sozialistischen Veranstaltungen in Ungarn als der Führer von "B&H Hungaria" oder als der von "Pax Hungarica" auftritt. Hinzukommt, dass die Polizei "das Hausrecht" im öffentlichen Raum am Heldenplatz "den Organisatoren" überließ, das heißt, dass nicht die staatliche Instanz, sondern jene "Organisatoren" bestimmten, welche Journalisten die Absperrzone zwischen den zwei Kordonen betreten durften, was ein Schlag ins Gesicht des demokratischen Rechtsstaates war.
Die Gegenkräfte sind schwach
Trotz eisiger Temperaturen versammelten sich knapp zweitausend ungarische, deutsche, italienische, slowenische, slowakische, tschechische, schwedische und englische Neonazis. Mit Widerstand mussten sie nicht rechnen, da die Antifaschisten in Ungarn sehr schwach sind. Dies ist einerseits der fortschreitenden Gewaltbereitschaft den "Antifas" gegenüber zuzuschreiben, andererseits der Tatsache, dass die "Antifaschisten" selbst vielfach verkürzt antikapitalistisch und antiglobalistisch, also mit Verschwörungstheorien argumentieren, ganz in der Art, die von der Wissenschaft als "Antisemitismus von links" bezeichnet wird. Traditioneller christlicher Antijudaismus, völkisches, autoritäres Denken, hegemoniale Strukturen, also ein Vielfaches an Demokratiedefizit potenzieren sich gegenseitig seit vielen Jahrzehnten in Ungarn und münden in der Militarisierung der Gesellschaft.
Zweitausend Neonazis hatten freies Spiel
Auch zu der Gedenkfeier "Day of Honour" erschienen zwar zwei Dutzend Antifaschisten, doch diese verstummten bald, und der Platz wurde gänzlich den Nazis überlassen. Sie und weitere 200 Sympathisanten, die außerhalb der Absperrzone standen, hörten den Reden zu, klatschten und sangen die ungarische und alle Strophen der deutschen Hymne mit. Neben internationalen Gästen, wie Stephen Swinfen ("B&H England") und Ralf Tegethoff aus Deutschland, die sich eher kurz hielten, sprachen der erste und zweite Mann von "B&H Hungaria", der bereits erwähnte János Endre Domonkos und Zoltán Illés länger.
Haupthetze: Antisemitismus und Antiziganismus
Den "Antifas" dürfte nicht bewusst sein, wie sehr ihre Argumente denen von Illés ähneln, wenn er die Schuld für die Misere in Europa und in Ungarn einer "internationalen Geldmacht" in die Schuhe schiebt, wie er das am "Tag der Ehre" tat. "Unsere Völker werden mit bewusst niederträchtigen Methoden zum Aussterben gebracht", fügte er hinzu. Dagegen helfe nur die internationale Vernetzung des national-sozialistischen Widerstandes, meinte János Endre Domonkos, deren Grundlage die Verbundenheit der beiden größten Nationen Europas, die "Deutsch-Ungarische Freundschaft" sei. "Dieser Bund wurde nicht auf dem Papier besiegelt" - sagte er, sondern "mit dem Blut deutscher und ungarischer Soldaten". Eine echte Blutsbruderschaft sei das, die unabhängig von Politikern und politischen Systemen in den Seelen beider Völker weiter lebe. "Möge aus dem Blut der gefallenen Helden ein neuer Trieb entstehen: das Europa der freien Nationen!" - rief er der Menge zu.
Treffen rechter ungarischer Gruppierungen
Von ungarischer Seite waren diesmal auch eine Gruppe der von der rechtsradikalen Jobbik (Partei für ein besseres, rechteres, richtigeres Ungarn) gegründeten paramilitärischen "Ungarischen Garde", die völkische "Jugendbewegung Vierungsechzig Komitate" (HVIM) mit László Toroczkai und die ebenfalls völkische "Bewegung Magyarische Selbstverteidigung" (MÖM) mit Géza Kovács vertreten, die regelmäßig gegen die "Herrschaft der Juden" und gegen die "Zigeunerkriminalität" demonstrieren und marschieren und oft viel mehr als zweitausend Sympathisanten zusammentrommeln können.
Tausende Demonstrationsteilnehmer für Hetze gegen Juden, Roma oder Homosexuelle sind keine Seltenheit
In der Relation zu anderen national-sozialistischen Veranstaltungen in Ungarn muss deshalb leider festgestellt werden, dass die Gedenkfeier zum "Tag der Ehre" inzwischen eher zu den kleineren und gemäßigteren gehört. Versammlungen mit zwei- bis dreitausend Teilnehmern, an denen offene antisemitische, antiziganistische und homophobe Hetze stattfindet, sind keine Seltenheit, wobei Ungarn um die 10 Millionen Einwohner hat. Am völkischen "Kulturfestival" mit der Bezeichnung "Magyarische Insel", das jeden August von der erwähnten "Jugendbewegung Vierungsechzig Komitate" (HVIM) veranstaltet wird, kommen sogar regelmäßig über zehntausend Menschen zusammen.
Die bürgerlichen Parteien heizen die Stimmung an, statt entgegen zu steuern
Gespeist wird diese Denkweise von den großen völkischen Parteien, der Fidesz-Bürgerlichen Union (Fidesz-MPSZ), der Christlich Demokratischen Volkspartei (KDNP) und von den völkischen Medien in ihrem Umkreis, deren Politik und Kommunikation vor allem daraus besteht, die Dichotomie zwischen "WIR" und "SIE" permanent lebendig zu halten.
Gerade am Freitag, dem 13. Februar, fand vor dem Parlament eine "Demonstration für die Pressefreiheit" statt, die von der Fidesz- und KDNP-nahen Tageszeitung "Magyar Hírlap" (Ungarisches Nachrichtenblatt) einberufen wurde. Für Sicherheit sorgte auch diesmal nicht die Polizei, sondern "unsere Garde für Ordnung", wie die deklariert arische Motorraddivision "Goj-Motorradfahrer" vom Chefredakteur bezeichnet wurde.
Ungarn vor einer "völkischen Wende"?
Hauptredner war der Eigentümer des Blattes, der Medienmagnat, Forintmilliardär und ehrenamtlicher Präsident der Ungarischen Arbeitgeber- und Industriellenvereinigung (MGYOSZ), Gábor Széles, der in einer künftigen, von Fidesz geleiteten Regierung als Wirtschaftsminister gehandelt wird. Der völkische Druck auf die Minderheitenregierung der Sozialisten ist so groß, dass man im Grunde jeden Moment mit einer "völkischen Wende" rechnen muss. Széles, dem auch das EchoTV gehört, steckte bereits über dreieinhalb Milliarden in sein Medienprojekt und ist zu weiteren Investitionen bereit, um diesen Prozess voranzutreiben.
Unter den Scharfmachern: Viele Medienmenschen
Ein weiterer Redner der "Demostration für die Pressefreiheit" war der "patriotische" Starjournalist Sándor Pörzse, Gründungsmitglied der Ungarischen Garde, der im EchoTV eine Sendung produziert, die regelmäßig mit folgendem, eingeblendetem Zitat endet: "Wie sehr auch in unseren heiligen Saaten fremde Rassen /.../ wühlen, /.../ mich durchdringt ein Gefühl: Ich bin ein Magyare, bete meine Rasse an und werde mich nicht ändern, eher sterbe ich!"
Ein anderer bekannter Starjournalist von Magyar Hirlap, Zsolt Bayer, guter Freund des Oppositionsführers Viktor Orbán, Gründungsmitglied der Fidesz-Bürgerlicher Union (heute ohne Parteibuch), redete zum Schluss. Er produziert eine Sendereihe im EchoTV mit dem Titel "Mélymagyar", was ein Ausdruck aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ist und so viel heißt wie "Wurzelecht" oder "Rassenrein". An der "Demonstration" währte er sich gegen den Vorwurf des Antiziganismus und forderte, dass man die Dinge beim Namen nennen und das Wort "Zigeunerkriminalität" aussprechen könne. Er war es übrigens, der mit einem seiner Artikel die neuerliche Welle der Aggression auslöste. Nach einem von einem Roma verübten Mord an einem bekannten Sportler schrieb er in seinem Artikel, die Täter seien "keine Menschen, sondern mörderische Tiere, die uns ins Verderben stürzen wollen".
Sogar der Ministerpräsident warnt vor der Zeitung "Magyar Hírlap"
Als Reaktion darauf und auf die permanente Hetze seitens des Blattes forderte der sozialistische Ministerpräsident Gyurcsány, übrigens als erster Staatsmann der Nachwendezeit mit einer klaren Haltung gegen den Rassismus, alle staatlichen Unternehmen und Institutionen auf, ihre Abonnements von "Magyar Hírlap" zu kündigen und im Blatt keine Anzeigen mehr zu schalten. Dies sei "verfassungsfeindliche Verletzung der Pressefreiheit und der freien Meinungsäußerung", bezeichnete der Chefredakteur des Blattes Gyurcsánys Schritte, und meinte, man müsse sich gegen sie währen. Da auch der Oppositionsführer Viktor Orbán, Vorsitzender der Partei mit der größten Wählerpotanzial, voll hinter dem Blatt steht und vor "Roma-Straftätern" warnt, fühlten sich alle Redner bestätigt.
Gewalttaten gegen Roma und liberale Politiker nehmen zu
Der Bürgerrechtler, der im Juli letzten Jahres vor Morde warnte, sollte inzwischen Recht behalten. Häuser von Roma und von sozialliberalen Politikern werden immer wieder mit Molotowcocktails beworfen, wobei in den letzten drei Monaten vier Roma erschossen wurden, als sie gerade aus ihren brennenden Häusern flohen.
Hinter der "Zigeunerkriminalität" stünden die Sozialisten, die Liberalen und die ungarische liberale Intelligenz, sagte Bayer, deren Absicht es sei, Magyaren und Zigeuner gegeneinaner auszuspielen. Wenn man den Diskurs in Ungarn kennt, weiß man, dass hier - nach der Antisemitismustheorie - die Sozialisten, die Liberalen und die liberale Intelligenz im Bild des "kollektiven Juden" erscheinen, der als idealer Feind im Hintergrund die Fäden zieht und den es auszuschalten gilt.
Antisemitische Verschwörungstheorien als Grundlage
Dies kann durch ein Gespräch bestätigt werden, dass im EchoTV vor zwei Monaten zu sehen war. Auf die Frage des erwähnten Journalisten Pörzse, ob die "Hetze gegen die Zigeuner" von der gegenwärtigen sozialistischen Regierung ausgehe, sagte ein ehemaliger Polizeipsychologe: "Ja, die Hetze läuft gegen das Magyarentum. Die wollen einen Bürgerkrieg zwischen den Zigeunern und den Magyaren provozieren, damit sich die Mossad-Leute ins Fäustchen lachen können. Man muss wissen, dass Gyurcsány im Oktober 2006 die Instruktionen, wie er mit der Attake umgehen soll, direkt von Tel Aviv bekommen hat."
Und wie konkret nach alledem auch dieses Feindbild bestimmt werden kann, gegen das sich die Agression richtet, sprach die Kandidatin der rechtsradikalen Partei Jobbik für die EU-Wahlen, Dr. Krisztina Morvai, aus. Während sie sich an der "Demostration für die Pressefreiheit" eher zurückhielt, drohte sie an einer anderen Großdemonstration vor mehreren Tausend Menschen im September 2008: "Hat denn diese Rasse - habt Ihr keine Angst? Mein letzter Rat an die liberal-bolschewiken Zionisten, die unser Land ausraubten ist, sich damit zu beschäftigen, wohin sie fliehen und wo sie sich verstecken! Denn, es gibt keine Gnade!"
27.02.2009
(http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/rechtsextremismus-ungarn-gewalttaetig)
Mittwoch, 25. Februar 2009
Attila József
József Attila (Vidám és jó volt)
Froh war er, gut – vielleicht ein wenig stur,
wenn er im Recht sich wähnte.
Er aß gern gut und hie und da
war Gott er gleich.
Von einem Judenarzt bekam er
Mantel und die Verwandten
nannten ihn: Daß-du-dich-nie-mehr-blicken-läßt.
Im griechisch-katholischen Glauben
fand er keine Ruh, nur Pfaffen –
im Leiden war er Meister,
doch trauert nicht um ihn.
Anfang 1928
Froh war er, gut – vielleicht ein wenig stur,
wenn er im Recht sich wähnte.
Er aß gern gut und hie und da
war Gott er gleich.
Von einem Judenarzt bekam er
Mantel und die Verwandten
nannten ihn: Daß-du-dich-nie-mehr-blicken-läßt.
Im griechisch-katholischen Glauben
fand er keine Ruh, nur Pfaffen –
im Leiden war er Meister,
doch trauert nicht um ihn.
Anfang 1928
Dienstag, 24. Februar 2009
Attila József: Nacht in der Vorstadt
(Auszug)
In ölige Fetzen gehüllt
harrt und seufzt die Nacht
am Himmel;
sie setzt sich hin,
am Rand der Stadt,
steht wieder auf und
wankt quer über den Platz,
ein Fünkchen Mond entzündet sie,
damit sie brennt.
Wie Schutthaufen liegen,
stehn Fabriken,
doch noch
schwärzere Nacht
wird dort gemacht,
dort baut der Stille man
ein Fundament.
1932
In ölige Fetzen gehüllt
harrt und seufzt die Nacht
am Himmel;
sie setzt sich hin,
am Rand der Stadt,
steht wieder auf und
wankt quer über den Platz,
ein Fünkchen Mond entzündet sie,
damit sie brennt.
Wie Schutthaufen liegen,
stehn Fabriken,
doch noch
schwärzere Nacht
wird dort gemacht,
dort baut der Stille man
ein Fundament.
1932
Wie Ungarn das Lachen verlernte
Die Wirtschaftskrise trifft Ungarn härter als die meisten anderen EU-Länder - Von Béla Rásky
Die Wirtschaftskrise trifft Ungarn härter als die meisten anderen EU-Länder. Schuld an der innenpolitischen Erstarrung tragen die regierenden Sozialisten - doch auch die Zivilgesellschaft hat außer Larmoyanz wenig anzubieten.
***
Als läge zur Zeit ein Fluch über Ungarn. Eine Hiobsbotschaft jagt die andere: Nur der IWF bewahrt das Land vor dem Kollaps, der Euro-Wechselkurs, angesichts der Fremdwährungskredite eine reale Bedrohung, knickt ein, das Auslandskapital fließt ab, Unternehmen kündigen Mitarbeiter, Rezessionsprognosen müssen täglich nach unten korrigiert werden. Die Wirtschaftskrise trifft Ungarn weit härter als andere EU-Staaten: als würde das Land gerade die Ernte für ein Jahrzehnt Nichtstun einfahren.
Seit Ende der 1990er-Jahre wurde nichts mehr wirklich angepackt: nicht die Bildungsreform, nicht die Sanierung des Gesundheitswesens, nicht die Steuerreform oder der Abbau der aufgeblähten Verwaltung. Der Staat wie seine Bürger lebten auf Pump und meinten, irgendwie schon über die Runden zu kommen. Während die Nachbarländer, auf die man immer ein wenig gönnerhaft herabgeblickt hatte, alles umkrempelten, herrschte in Ungarn Stillstand - oder besser ein kleinlicher Grabenkrieg um Geschichts- und Vergangenheitspolitik.
Aber nicht einmal hier kam es zu Klarstellungen. Die Verstrickung der ungarischen Gesellschaft in den Judenmord 1944/45, die Kollaboration vieler mit dem Kádár-System waren selten Thema. Es gab kein schmerzvolles Klären, kein Bewältigen, kein Erinnern, kein Bestrafen. Schnell war es gelungen, sich zum Opfer zu stilisieren. Lange schien es, als könnte man tatsächlich alles relativ schadlos überstehen: Wende wie Wirtschaftsreform. Allein die letzten Monate zeigen, dass es eben nicht funktioniert.
Skandale und Korruption
Die Hauptschuld an der jetzigen Situation tragen die seit acht Jahren an der Macht befindlichen Sozialisten, aber eine Mitverantwortung der ganzen politischen Elite lässt sich nicht wegleugnen. Personell seit der Wende, ja zum Teil sogar vor dieser, im Wesentlichen unverändert, immer häufiger in Skandale und Korruptionsaffären sowie kleinliche Streitereien verwickelt, zeigt sie sich unfähig, dem Land Reformziele zu geben.
Die Kernbotschaft von Ferenc Gyurcsánys berüchtigter "Lügenrede" 2006, dass es nämlich so nicht weitergehe, hatten die Opposition und die Öffentlichkeit noch in der gespielten Empörung über sein Geständnis, im Wahlkampf gelogen zu haben, untergehen lassen können. Der Ministerpräsident gab zwar nicht sofort auf, doch seit einem verlorenen Referendum im Vorjahr sind seine Reden und Interviews über Veränderungen nur mehr leeres Geschwafel: und nicht nur, weil die Opposition jeden Reformansatz zu boykottieren weiß. Gyurcsány ist zu einem Sesselkleber verkommen. Aber auch die Botschaft seiner Widersacher, der national-konservativen Fidesz unter Viktor Orbán, reduziert sich nur auf die Gebetsmühle, dass der "Lügner" gehen müsse: darüber hinaus kein ersichtliches, klares Programm, keine Idee, keine Vision.
Die einst so eloquenten ungarischen Intellektuellen, unentwegte Streiter ausgenommen, sind heute verstummt: kein Appell, kein Manifest. Die einst so kämpferischen politischen Medien Ungarns werden seit Jahren von denselben, inzwischen ergrauten, im politischen System tief verstrickten und oft kompromittierten "talking heads" beherrscht, während gleichzeitig die Kommerzmedien das Land zu Tode unterhalten. Die ungarische Gesellschaft selbst ist erschöpft, apathisch, sie suhlt sich in Selbstmitleid, unfähig, sich zu organisieren, dem Sumpf der politischen Elite eine demokratische Initiative entgegenzusetzen.
Totale Agonie
Politisch aktiv ist eigentlich nur mehr die kleine radikale Rechte, die überall mit ihren rot-weiß gestreiften, an die ungarischen Nazis erinnernden Fahnen auftaucht, in schwarzen Uniformen drohend durch Roma-Dörfer marschiert, die politische und öffentliche Sprache mit ihrer Stimme und ihrer Logik längst beherrscht. Wirklich gefährlich wäre sie nicht, wären da nicht die feigen Sozialisten, die es verabsäumen, klare Handlungen zu setzen, das staatliche Gewaltmonopol einzufordern, paramilitärische Organisationen zu verbieten, der Polizei klare Richtlinien bei Störungen von friedlichen Demonstrationen zu geben; wären da nicht die sich selbst konservativ titulierenden Kräfte und die Kirchen, die das Treiben ignorieren oder mit diesem kokettieren; wären da nicht die kommerziellen Medien, die sensationslüstern den kleinsten Vorfall hysterisieren und Öl ins Feuer gießen, und wäre da eben nicht eine in totaler Agonie versunkene Gesellschaft, die - sicher mit Abscheu und Sorge - einfach wegschaut.
Fast niemand setzt der rassistischen Verlotterung der Sprache, der Verwahrlosung des öffentlichen Raums, der sinkenden Gewaltschwelle etwas entgegen. Als wolle man nicht wahrhaben, dass die Lunte zu schweren rassistischen Ausschreitungen längst brennt, gegen die die gewalttätigen Demos der vergangenen Jahre nur ein Pappenstiel sein werden.
Dabei weiß man gerade abseits der politischen Elite längst um die Notwendigkeit des grundsätzlichen Wandels. Das nun allerorts spürbare Resultat des Nichtstuns hat die Ungarn dafür längst reif gemacht. Allein ist weit und breit niemand erkennbar, der oder die einen solchen radikalen Schritt glaubhaft vermitteln könnte. Zu oft hat man den Ungarn in den letzten Jahren Opfer abverlangt, leere Versprechungen gemacht, als dass diese nicht zutiefst skeptisch wären. Das Land macht sich keine Illusionen mehr - nicht einmal mehr bezüglich irgendwelcher starker Männer oder autoritärer Lösungen.
Offen bleibt, wer der ungarischen Gesellschaft die wohl bitterste Pille seit der Wende verabreichen, wer am Ende den Schwarzen Peter für die nötige Rosskur haben wird. Sicher ist, dass sie sehr bald geschehen muss und dass das Ganze die "kleinen Leute" ausbaden werden. Nicht einmal der politische Witz, das nach allen Richtungen schonungslose politische Kabarett, die die Kádár-Diktatur erträglich gemacht hatten, können jetzt den Ungarn mehr über die Runden helfen. Es gibt sie kaum mehr: Das rebellische, oft befreiende Lachen haben die Ungarn gründlich verlernt. (Béla Rásky, DER STANDARD, Printausgabe, 25.2.2009)
Zur Person
Béla Rásky, geboren 1959 in Wien, ist freier Historiker.
Die Wirtschaftskrise trifft Ungarn härter als die meisten anderen EU-Länder. Schuld an der innenpolitischen Erstarrung tragen die regierenden Sozialisten - doch auch die Zivilgesellschaft hat außer Larmoyanz wenig anzubieten.
***
Als läge zur Zeit ein Fluch über Ungarn. Eine Hiobsbotschaft jagt die andere: Nur der IWF bewahrt das Land vor dem Kollaps, der Euro-Wechselkurs, angesichts der Fremdwährungskredite eine reale Bedrohung, knickt ein, das Auslandskapital fließt ab, Unternehmen kündigen Mitarbeiter, Rezessionsprognosen müssen täglich nach unten korrigiert werden. Die Wirtschaftskrise trifft Ungarn weit härter als andere EU-Staaten: als würde das Land gerade die Ernte für ein Jahrzehnt Nichtstun einfahren.
Seit Ende der 1990er-Jahre wurde nichts mehr wirklich angepackt: nicht die Bildungsreform, nicht die Sanierung des Gesundheitswesens, nicht die Steuerreform oder der Abbau der aufgeblähten Verwaltung. Der Staat wie seine Bürger lebten auf Pump und meinten, irgendwie schon über die Runden zu kommen. Während die Nachbarländer, auf die man immer ein wenig gönnerhaft herabgeblickt hatte, alles umkrempelten, herrschte in Ungarn Stillstand - oder besser ein kleinlicher Grabenkrieg um Geschichts- und Vergangenheitspolitik.
Aber nicht einmal hier kam es zu Klarstellungen. Die Verstrickung der ungarischen Gesellschaft in den Judenmord 1944/45, die Kollaboration vieler mit dem Kádár-System waren selten Thema. Es gab kein schmerzvolles Klären, kein Bewältigen, kein Erinnern, kein Bestrafen. Schnell war es gelungen, sich zum Opfer zu stilisieren. Lange schien es, als könnte man tatsächlich alles relativ schadlos überstehen: Wende wie Wirtschaftsreform. Allein die letzten Monate zeigen, dass es eben nicht funktioniert.
Skandale und Korruption
Die Hauptschuld an der jetzigen Situation tragen die seit acht Jahren an der Macht befindlichen Sozialisten, aber eine Mitverantwortung der ganzen politischen Elite lässt sich nicht wegleugnen. Personell seit der Wende, ja zum Teil sogar vor dieser, im Wesentlichen unverändert, immer häufiger in Skandale und Korruptionsaffären sowie kleinliche Streitereien verwickelt, zeigt sie sich unfähig, dem Land Reformziele zu geben.
Die Kernbotschaft von Ferenc Gyurcsánys berüchtigter "Lügenrede" 2006, dass es nämlich so nicht weitergehe, hatten die Opposition und die Öffentlichkeit noch in der gespielten Empörung über sein Geständnis, im Wahlkampf gelogen zu haben, untergehen lassen können. Der Ministerpräsident gab zwar nicht sofort auf, doch seit einem verlorenen Referendum im Vorjahr sind seine Reden und Interviews über Veränderungen nur mehr leeres Geschwafel: und nicht nur, weil die Opposition jeden Reformansatz zu boykottieren weiß. Gyurcsány ist zu einem Sesselkleber verkommen. Aber auch die Botschaft seiner Widersacher, der national-konservativen Fidesz unter Viktor Orbán, reduziert sich nur auf die Gebetsmühle, dass der "Lügner" gehen müsse: darüber hinaus kein ersichtliches, klares Programm, keine Idee, keine Vision.
Die einst so eloquenten ungarischen Intellektuellen, unentwegte Streiter ausgenommen, sind heute verstummt: kein Appell, kein Manifest. Die einst so kämpferischen politischen Medien Ungarns werden seit Jahren von denselben, inzwischen ergrauten, im politischen System tief verstrickten und oft kompromittierten "talking heads" beherrscht, während gleichzeitig die Kommerzmedien das Land zu Tode unterhalten. Die ungarische Gesellschaft selbst ist erschöpft, apathisch, sie suhlt sich in Selbstmitleid, unfähig, sich zu organisieren, dem Sumpf der politischen Elite eine demokratische Initiative entgegenzusetzen.
Totale Agonie
Politisch aktiv ist eigentlich nur mehr die kleine radikale Rechte, die überall mit ihren rot-weiß gestreiften, an die ungarischen Nazis erinnernden Fahnen auftaucht, in schwarzen Uniformen drohend durch Roma-Dörfer marschiert, die politische und öffentliche Sprache mit ihrer Stimme und ihrer Logik längst beherrscht. Wirklich gefährlich wäre sie nicht, wären da nicht die feigen Sozialisten, die es verabsäumen, klare Handlungen zu setzen, das staatliche Gewaltmonopol einzufordern, paramilitärische Organisationen zu verbieten, der Polizei klare Richtlinien bei Störungen von friedlichen Demonstrationen zu geben; wären da nicht die sich selbst konservativ titulierenden Kräfte und die Kirchen, die das Treiben ignorieren oder mit diesem kokettieren; wären da nicht die kommerziellen Medien, die sensationslüstern den kleinsten Vorfall hysterisieren und Öl ins Feuer gießen, und wäre da eben nicht eine in totaler Agonie versunkene Gesellschaft, die - sicher mit Abscheu und Sorge - einfach wegschaut.
Fast niemand setzt der rassistischen Verlotterung der Sprache, der Verwahrlosung des öffentlichen Raums, der sinkenden Gewaltschwelle etwas entgegen. Als wolle man nicht wahrhaben, dass die Lunte zu schweren rassistischen Ausschreitungen längst brennt, gegen die die gewalttätigen Demos der vergangenen Jahre nur ein Pappenstiel sein werden.
Dabei weiß man gerade abseits der politischen Elite längst um die Notwendigkeit des grundsätzlichen Wandels. Das nun allerorts spürbare Resultat des Nichtstuns hat die Ungarn dafür längst reif gemacht. Allein ist weit und breit niemand erkennbar, der oder die einen solchen radikalen Schritt glaubhaft vermitteln könnte. Zu oft hat man den Ungarn in den letzten Jahren Opfer abverlangt, leere Versprechungen gemacht, als dass diese nicht zutiefst skeptisch wären. Das Land macht sich keine Illusionen mehr - nicht einmal mehr bezüglich irgendwelcher starker Männer oder autoritärer Lösungen.
Offen bleibt, wer der ungarischen Gesellschaft die wohl bitterste Pille seit der Wende verabreichen, wer am Ende den Schwarzen Peter für die nötige Rosskur haben wird. Sicher ist, dass sie sehr bald geschehen muss und dass das Ganze die "kleinen Leute" ausbaden werden. Nicht einmal der politische Witz, das nach allen Richtungen schonungslose politische Kabarett, die die Kádár-Diktatur erträglich gemacht hatten, können jetzt den Ungarn mehr über die Runden helfen. Es gibt sie kaum mehr: Das rebellische, oft befreiende Lachen haben die Ungarn gründlich verlernt. (Béla Rásky, DER STANDARD, Printausgabe, 25.2.2009)
Zur Person
Béla Rásky, geboren 1959 in Wien, ist freier Historiker.
Dienstag, 17. Februar 2009
Attila József: Leg deine Hand
Leg deine Hand
mir auf die Stirn,
als wär' sie
meine Hand.
Bewache mich
wie einen Mörder,
als hing' dein Sein
an meinem Sein.
Lieb mich, als
wär' das schön für dich,
als wär' mein Herz
auch dein.
Mai/Juni 1928
Mittwoch, 28. Januar 2009
Matura neu: Eine für alle ...
Die Debatte um den Gesetzesentwurf für eine "Zentralmatura" aus der kritischen Sicht eines Pädagogen an einer katholischen Privatschule und eines unabhängigen AHS-Lehrer-Vertreters
Nun ist die Katze endgültig aus dem Sack: Das Bildungsministerium will eine "standardisierte, kompetenzorientierte" zentrale AHS-Reifeprüfung. Eine gemeinsame Aufgabenstellung in Deutsch, Mathematik und den Fremdsprachen soll mehr Fairness und Objektivität und damit eine bessere Vergleichbarkeit der Bildungsabschlüsse bringen. Dieses Ziel ist auf den ersten Blick nachvollziehbar, sieht man sich den Entwurf aber genauer an und reflektiert ihn grundsätzlicher im Hinblick auf den Bildungsbegriff, der sich dahinter verbirgt, wird auch die schroffe Ablehnung, die er mitunter erfährt, verständlich.
Lernen ist ein komplexes personales Geschehen, das sich nicht auf Input und Output reduzieren lässt, Schüler sind keine Lernmaschinen. Die richtigen Rädchen zu kennen, an denen man angeblich drehen muss, macht noch keinen guten Lehrer aus. Das Faszinierendste am Unterrichten ist doch die Begegnung von Mensch zu Mensch, der Kontakt mit dem einzelnen Schüler und der einzelnen Schülerin. Das Gelernte lässt sich vom Lehrer nicht entkoppeln. Der Lehrer ist - ich widerspreche hier immer wieder kolportierten, vermeintlich modernen didaktischen Konzepten - kein Coach, kein Dompteur, kein Wissensmanager! Unterrichten bedeutet, Beziehungsarbeit zu leisten. Die schlechtesten Lehrer sind nicht die mit fachlichen Lücken, sondern die, die nicht beziehungsfähig sind.
Mehr "Objektivität" ...
Lehrerpersönlichkeiten sind - die Geisteshaltung, die hinter dem Entwurf steht, konsequent weitergedacht - nicht mehr gefragt, sondern Leute, die mit ihrer Klientel mit möglichst geringem Aufwand möglichst gute Noten erreichen. Unsere Frau Bundesministerin ist mit ihrem Stab dabei, Schulbildung mit den Kategorien von Effektivität, vordergründiger Objektivität und Uniformität auf ein modernes europataugliches Einheitsniveau herunterzubrechen.
Wer wissen will, was uns mit der Zentralmatura blüht, wage einen Blick ins vielgepriesene Ausland. Negative Entwicklungen, die durch eine Zentralmatura ausgelöst werden können, sind dort gut beobachtbar. Sie fördert nämlich eine ganz bestimmte Lern- und Schulkultur und damit indirekt auch ein ganz bestimmtes Menschenbild. Gelernt, mehr noch, gebüffelt und gedrillt wird, was zentral vorgegeben wird. Warum auch darüber hinaus etwas gelernt werden soll, ist Schülern und Eltern dann nur mehr schwer zu erklären. Unterrichtsbesuch ist dann nur in jenem Ausmaß sinnvoll, in dem er der Matura nützt. Wenn Zusatzstoff gemacht wird, kann man auch zu Hause bleiben.
... oder mehr Bildung?
Die Zentralmatura wird übrigens auch einen weiteren Wachstumsschub für Lerninstitute bringen. Lernen wird dann in erster Linie heißen, bestimmte Standards zu erfüllen. Bildung dagegen wird zur unverbindlichen Übung.
Es gehört zu meinem Selbstverständnis als Lehrer, dass ich meinen Schülerinnen und Schülern mehr vermitteln möchte als bloß das, was im Zeugnis steht. Manche Inhalte - und das wissen Schülerinnen und Schüler ganz genau - lassen sich bei einer Prüfung nicht "verbraten" und eignen sich nicht als Aufgabenstellung für eine Reifeprüfung, aber sie auszuklammern hieße, auf interessante Auseinandersetzungen, auf wichtige Lebenserfahrungen und Denkimpulse zu verzichten.
Letztlich werden wir uns entscheiden müssen, ob wir mehr Objektivität und Uniformität wollen oder mehr Bildung. (Franz Asanger, DER STANDARD, Printausgabe, 27.1.2009)
Zur Person: Franz Asanger ist Direktor des Bischöflichen Gymnasiums Petrinum in Linz.
Nun ist die Katze endgültig aus dem Sack: Das Bildungsministerium will eine "standardisierte, kompetenzorientierte" zentrale AHS-Reifeprüfung. Eine gemeinsame Aufgabenstellung in Deutsch, Mathematik und den Fremdsprachen soll mehr Fairness und Objektivität und damit eine bessere Vergleichbarkeit der Bildungsabschlüsse bringen. Dieses Ziel ist auf den ersten Blick nachvollziehbar, sieht man sich den Entwurf aber genauer an und reflektiert ihn grundsätzlicher im Hinblick auf den Bildungsbegriff, der sich dahinter verbirgt, wird auch die schroffe Ablehnung, die er mitunter erfährt, verständlich.
Lernen ist ein komplexes personales Geschehen, das sich nicht auf Input und Output reduzieren lässt, Schüler sind keine Lernmaschinen. Die richtigen Rädchen zu kennen, an denen man angeblich drehen muss, macht noch keinen guten Lehrer aus. Das Faszinierendste am Unterrichten ist doch die Begegnung von Mensch zu Mensch, der Kontakt mit dem einzelnen Schüler und der einzelnen Schülerin. Das Gelernte lässt sich vom Lehrer nicht entkoppeln. Der Lehrer ist - ich widerspreche hier immer wieder kolportierten, vermeintlich modernen didaktischen Konzepten - kein Coach, kein Dompteur, kein Wissensmanager! Unterrichten bedeutet, Beziehungsarbeit zu leisten. Die schlechtesten Lehrer sind nicht die mit fachlichen Lücken, sondern die, die nicht beziehungsfähig sind.
Mehr "Objektivität" ...
Lehrerpersönlichkeiten sind - die Geisteshaltung, die hinter dem Entwurf steht, konsequent weitergedacht - nicht mehr gefragt, sondern Leute, die mit ihrer Klientel mit möglichst geringem Aufwand möglichst gute Noten erreichen. Unsere Frau Bundesministerin ist mit ihrem Stab dabei, Schulbildung mit den Kategorien von Effektivität, vordergründiger Objektivität und Uniformität auf ein modernes europataugliches Einheitsniveau herunterzubrechen.
Wer wissen will, was uns mit der Zentralmatura blüht, wage einen Blick ins vielgepriesene Ausland. Negative Entwicklungen, die durch eine Zentralmatura ausgelöst werden können, sind dort gut beobachtbar. Sie fördert nämlich eine ganz bestimmte Lern- und Schulkultur und damit indirekt auch ein ganz bestimmtes Menschenbild. Gelernt, mehr noch, gebüffelt und gedrillt wird, was zentral vorgegeben wird. Warum auch darüber hinaus etwas gelernt werden soll, ist Schülern und Eltern dann nur mehr schwer zu erklären. Unterrichtsbesuch ist dann nur in jenem Ausmaß sinnvoll, in dem er der Matura nützt. Wenn Zusatzstoff gemacht wird, kann man auch zu Hause bleiben.
... oder mehr Bildung?
Die Zentralmatura wird übrigens auch einen weiteren Wachstumsschub für Lerninstitute bringen. Lernen wird dann in erster Linie heißen, bestimmte Standards zu erfüllen. Bildung dagegen wird zur unverbindlichen Übung.
Es gehört zu meinem Selbstverständnis als Lehrer, dass ich meinen Schülerinnen und Schülern mehr vermitteln möchte als bloß das, was im Zeugnis steht. Manche Inhalte - und das wissen Schülerinnen und Schüler ganz genau - lassen sich bei einer Prüfung nicht "verbraten" und eignen sich nicht als Aufgabenstellung für eine Reifeprüfung, aber sie auszuklammern hieße, auf interessante Auseinandersetzungen, auf wichtige Lebenserfahrungen und Denkimpulse zu verzichten.
Letztlich werden wir uns entscheiden müssen, ob wir mehr Objektivität und Uniformität wollen oder mehr Bildung. (Franz Asanger, DER STANDARD, Printausgabe, 27.1.2009)
Zur Person: Franz Asanger ist Direktor des Bischöflichen Gymnasiums Petrinum in Linz.
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