Hetze gegen "Zigeuner", Juden, Intellektuelle: Rechtsextreme setzen in Ungarn den Staat unter Druck und tragen den Nationalismus in die Nachbarländer.
Von Michael Frank
Mutige Menschen, die vor zwanzig Jahren mit ihrer Zivilcourage Mitteleuropas Sowjet-Diktaturen ein Ende bereitet haben, sind heute zutiefst verzagt. Gerade wer in Ungarn den Umbau des Zwangsstaates in eine demokratische Gesellschaft mit angetrieben hat, fürchtet sich aus gutem Grund.
Heute wie damals kann man sich kaum mehr auf ungarischem Boden treffen und eindeutig zur politischen Entwicklung äußern. "Wir werden nicht vor den Angriffen der Rechtsextremisten geschützt, sondern die Polizei schützt diese Leute", sagen bekenntnisstarke Demokraten, die besser nicht genannt werden sollten. Kritische Intellektuelle sind auf offener Straße angegriffen und niedergeschlagen, Wohnungen verwüstet worden. Eine Mordserie hat Roma getroffen, gezielte Bluttaten mit Brandstiftung und Gewehrfeuer.
Der Generalstaatsanwalt in Budapest hat soeben ein Machtwort sprechen und der Polizeigewerkschaft Tettrekesz (Tatbereit), die fast ein Fünftel der magyarischen Ordnungshüter vertritt, die vertragliche Zusammenarbeit mit der Neonazipartei Jobbik (Bewegung für ein besseres Ungarn) verbieten müssen.
Jobbik hetzt gegen "Zigeuner", Juden, Intellektuelle. Jobbik hat die "Ungarische Garde" gegründet, die uniformiert und mit Faschistenfahne aufmarschiert, Dörfer terrorisiert, bei martialischen Vereidigungen gegen "Zigeunerkriminalität" und für ein "reines Ungarntum" agitiert. Jobbik hat bei der Europawahl aus dem Stand 14 Prozent errungen.
Nährboden dieser Entwicklung ist der Hass, mit dem die traditionellen Nachwendeparteien - die nationalkonservative Fidesz und die Sozialisten - die politische Atmosphäre Ungarns vergiftet haben. Unwillig und unfähig sind sie, gemeinsam die Krise zu bekämpfen.
Und Fidesz-Führers Viktor Orban betreibt ein gefährliches Spiel, wenn er das Parlament auszuhebeln versucht und mit Massenaufläufen die Meinungs- und Willensbildung der Straße anheimstellt. Das sind bedenkliche Zersetzungseffekte im demokratischen Stammhirn Ungarns.
Selbst wenn Fidesz die nächste Wahl gewinnen wird, lassen sich die Probleme nicht heilen. Orbans Schwur, niemals mit Jobbik zu koalieren, klingt spätestens seit dem Erfolg der Rechtsextremen bei den Europawahlen hohl: Seit Jahren vertritt er ähnliche Thesen, ohne gewalttätige und offen rassistische Appelle eindeutig zu verurteilen.
Die Aggression nach außen
Dem Druck im Inneren folgt die Aggression nach außen: Nicht nur im Lager der chauvinistischen Rechten spielt man noch immer mit der Traumatisierung Ungarns nach dem Ersten Weltkrieg, als durch die Grenzziehung große magyarische Volksgruppen vom Mutterland abgeschnitten wurden.
Nun kursieren wieder die Thesen von der angeblichen Unterdrückung auf fremdem Boden und Bedrohungsszenarien für die magyarische Identität. Das sorgt bei den Nachbarn für Aufruhr. Wenn Oppositionsführer Orban von der Vertretung aller Magyaren im ganzen Karpatenbecken - also auch in den Nachbarstaaten - schwadroniert, dann weckt er den Nationalismus in eben diesen Länder.
Sollte Fidesz, erst mal an der Macht, erneut versuchen, allen Magyaren in den Nachbarstaaten die ungarische Staatsbürgerschaft per Gesetz zuzuweisen, bräche die Krise offen aus. Die Nachbarn interpretieren dies als offene Konfrontation, als Eingriff in die immer delikate Minderheiten-Thematik. Rund um Ungarn geht es um Machtansprüche über drei Millionen Menschen.
Damit würde alles gefährdet, was das Ungarn der Nachwende-Zeit an vorbildlichen Minderheitengesetzen und an Versöhnungsgesten zu Stande gebracht hat. Begreift sich Europa wirklich als Friedensprojekt, muss es Mittel der Mäßigung gegen die unheilvolle Entwicklung in einem ihrer Schlüsselstaaten finden. Die EU muss eingreifen. Auf wen sonst sollte setzen, wer totalitäre Züge in Gesellschaft und Nation aufsteigen sieht.
(SZ vom 16.06.2009/segi)
http://www.sueddeutsche.de/politik/683/472210/text/
Dienstag, 16. Juni 2009
Montag, 15. Juni 2009
Brauner Dammbruch bei den Nachbarn: Ungarn auf dem Weg in den Faschismus?
Rechtspopulisten und Rechtsextreme kamen bei der EU-Wahl zusammen auf über 70 Prozent der Stimmen. Ein Staat mitten in Europa droht im Faschismus zu ersticken.
Gregor Mayer, Budapest
Man kann nicht behaupten, Gabor Vona, der nie lächelnde Chef der rechtsextremen Partei Jobbik (Die Besseren/Die Rechteren), hätte nicht einen gewissen Sinn für Humor. Eine seiner Ansprachen begann der 31-Jährige im vergangenen Oktober mit folgender Sottise: „Wer kennt den Witz? Ferenc Gyurcsany (der in diesem März zurückgetretene sozialistische Ministerpräsident, Anm.) kommt ins Gefängnis und muss sich die Zelle mit einem zwei Meter großen, sexbesessenen Metalldieb (Synonym für kriminelle Roma, Anm.) teilen. Kennen Sie ihn? Nein? Ich leider auch nicht, aber er fängt gut an.“
Die Partei, die gegen Roma und Homosexuelle hetzt und mit antisemitischen Botschaften operiert, hat bei der Europawahl am vorvergangenen Sonntag aus dem Stand heraus 14,8 Prozent der Stimmen geschafft und drei von insgesamt 22 Mandaten erzielt. Doch auch der rechtspopulistische Bund Junger Demokraten (FIDESZ) schnitt mit 56,4 Prozent besser ab als bei jeder Wahl zuvor. Geführt wird diese Partei von dem ehemaligen Ministerpräsidenten Viktor Orban, der den noch regierenden Sozialisten mit „Abrechnung“ und Strafverfolgung droht und gegen das „internationale Finanzkapital“ wettert. Er träumt von einer Zweidrittelmehrheit bei der nächsten Wahl – spätestens im kommenden Frühjahr –, um dann ein autoritäres Präsidialsystem einzuführen.
In vielen EU-Ländern gewannen modernisierungsfeindliche, xenophobe und braune Parteien kräftig dazu. Doch nur in Ungarn entfielen auf rechte Populisten und Rechtsextreme zusammengenommen über 70 Prozent der abgegebenen Stimmen. Oft und immer wieder wurde beim Aufstieg populistischer oder faschistoider Kräfte geunkt, dieses oder jenes Land drohe dem Faschismus anheimzufallen. Immer wieder entpuppte sich solches Gerede als schierer Alarmismus. Doch Ungarn, wo sich in den vergangenen Jahren autoritäre Haltungen und aggressive Vorurteile gegen die Roma tief in der Mitte der Gesellschaft festgesetzt haben, könnte tatsächlich auf dem Weg dorthin sein.
Totgeschlagen. Jene, die dagegenhalten könnten, sind demoralisiert. Die derzeit allein regierende Ungarische Sozialistische Partei erlitt mit 17,4 Prozent ein schweres Debakel. „Man hat uns totgeschlagen“, seufzte die sozialistische Spitzenpolitikerin Katalin Szili resigniert am Tag danach. Der frühere Koalitionspartner, der Bund Freier Demokraten, schlitterte überhaupt in die Katastrophe. Mit nur 2,2 Prozent der Stimmen stehen die aus der alten Dissidentenbewegung hervorgegangenen Liberalen vor dem Ende als eigenständiger politischer Akteur.
Ins Wanken kam Ungarns Demokratie im Herbst 2006. Die berüchtigte Skandalrede Gyurcsanys, in dem dieser an seine Partei appellierte, endlich mit dem Lügen aufzuhören, drang an die Öffentlichkeit. Wochenlang ließen von der Rechten angefachte Unruhen das Land erbeben. Der Putschversuch misslang, doch Gyurcsanys Regierung war entscheidend geschwächt. Der FIDESZ unter Orban torpedierte jegliche wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Reformversuche mit populistischen Volksabstimmungen. Vor einem Jahr zerbrach die sozialliberale Koalition. Gyurcsany trat im März zurück. Orban trieb die immer glanz- und mutloser agierenden linken Regierungen vor sich her. Doch mit der Jobbik-Bewegung ist auf einmal eine neue Kraft da, die behauptet, das alles noch viel besser zu können. Jobbik redet nicht nur, sondern erweckt auch den Anschein der Handlungsfähigkeit.
Entmenscht. Im August 2007 gründete Gabor Vona die „Ungarische Garde“, eine paramilitärische Truppe mit Uniformen, die in Schnitt und Muster an jene von NS-Militärformationen erinnern. Die Garde veranstaltet martialische, bedrohlich wirkende Aufmärsche in Roma-Gemeinden. Jobbik und Garde mobilisieren mit dem Versprechen, effektiv gegen die „Zigeunerkriminalität“ zu kämpfen, vor allem ärmere Menschen, die in unmittelbarer Nachbarschaft zu verelendeten und sozial verwahrlosten Roma leben. Als „staatlich subventionierte Zigeunerzucht“ bezeichnete der Jobbik-Vize und frisch gebackene Europaabgeordnete Csanad Szegedi im Wahlkampf die Sozialhilfen, die an Roma gehen. „Barikad.hu“, die Internetseite der Jobbik, präsentierte wochenlang einen Comicstrip, der Jean de La Fontaines Fabel „Die Grille und die Ameise“ abwandelt und die Roma in „Stürmer“-Manier als entmenschte Schmarotzer und Vergewaltiger zeigt.
Die Hetzstrategie ging auf. In Nord- und Ostungarn, wo es einen hohen Roma-Bevölkerungsanteil gibt, erhielt die Jobbik bei der Europawahl mehr Stimmen als die Sozialisten. Diese Gebiete, in denen Industrieruinen wie die Stadt Miskolc oder die frühere Stahlschmiede Ozd liegen, waren bislang linke Hochburgen. Die Dynamik ist alarmierend. Hatten nicht auch Hitlers Nazis bei ihrem Aufstieg davon profitiert, dass ihnen angesichts der Wirtschaftskrise massenhaft Arbeiter zuliefen, die zuvor kommunistisch und sozialdemokratisch gewählt hatten?
Das von den Rechtsextremen geschürte Klima provozierte bereits rassistisch motivierte Morde. Fünf Roma starben seit letztem November bei bewaffneten Anschlägen auf ihre Elendshütten. Bei einer dieser Bluttaten wurden ein Vater und sein fünfjähriger Sohn erschossen. „Nicht einmal der Tod dieses Kindes hat das Land erschüttert“, gibt die Budapester Soziologin Maria Vasarhelyi zu bedenken. Für den Aufstieg der Jobbik macht sie vor allem Viktor Orban verantwortlich. „Er hat den Boden dafür bereitet.“ Als der 2002 die Wahlen relativ überraschend verlor, wollte er sich mit dem Ergebnis nicht abfinden. Er rief seine Anhänger dazu auf, gegen die „Wahlfälschung“ zu demonstrieren und sich in so genannten „Bürgerkreisen“ zu organisieren. So versuchte er, den Machtanspruch seiner Partei wachzuhalten. Eine Gruppe von jungen Männern Anfang 20, die nach nationalem Radikalismus dürsteten, nahm die Aufforderung ernst.
Der Geschichtsstudent Gabor Vona kam aus der Hochschülerschaft, andere aus der 2002 gleichfalls gescheiterten Ungarischen Wahrheits- und Lebenspartei des Antisemiten Istvan Csurka. Sie nutzten die „Bürgerkreise“ als Betätigungs- und Mobilisierungsplattform für den zielstrebigen Aufbau ihrer Jobbik. Orban hatte schon in seiner Regierungszeit (1998–2002) einen Hofstaat rechtsradikaler Publizisten aufgepäppelt. Die Wahlniederlage bestärkte ihn in seinem Credo, dass Ungarns Rechte „ein Lager, eine Fahne, einen Führer“ habe.
Orbans rechtsextreme Kampfschreiber versuchen indes, in Sachen Radikalität den vor allem im Internet agierenden Jobbik-Propagandisten Paroli zu bieten. Sieben Jahre derartiger extremistischer Mobilisierung haben das Meinungsklima in Ungarn nachhaltig verändert, stellt Vasarhelyi fest. „Der öffentliche Diskurs ist so verkommen, dass aggressive, obszöne, rassistische Äußerungen niemanden mehr vom Hocker reißen. Sie erscheinen vielfach sogar als normal.“ Eine Teilverantwortung falle auch den linksliberalen Regierungsparteien zu, die „in sieben Jahren kaum etwas weitergebracht haben“.
Pfeilkreuzler. Das Elend der ländlichen Roma, ihre Entkoppelung von der allgemeinen Gesellschaftsentwicklung, habe sich selbst noch zu einer Zeit verschärft, als der durchschnittliche Lebensstandard im Land gestiegen war. „Die Bürgermeister und Bewohner dieser Regionen fühlten sich mit den daraus resultierenden Problemen völlig alleingelassen.“
Vasarhelyi, die wegen ihrer schonungslosen Kritik an den ungarischen Zuständen selbst immer wieder zur Zielscheibe medialer Angriffe der Rechten wird, hofft, dass sich im FIDESZ, wenn er einmal an der Macht ist, „eine nüchterne, pragmatische Strömung durchsetzt“. Ob es dazu je kommen werde, weiß sie aber nicht. Andere bauen wiederum darauf, dass ein Land inmitten der EU nicht einfach zur braunen Diktatur mutieren kann – auch wenn Gabor Vona wiederholt damit droht, im Falle der Machterringung die privaten Fernsehsender TV 2 und RTL Klub zu schließen, Betreiber und Redakteure aus dem Land zu werfen und „ihre Fernsehstationen dem Erdboden gleichzumachen“.
Orban hingegen suggeriert, alles im Griff zu haben. „Mit der Ungarischen Garde“, gab er einmal die Richtung vor, „werden wir fertig wie damals Horthy mit den Pfeilkreuzlern: mit zwei Ohrfeigen.“ Was Orban nicht erwähnte: Der rechts-autoritäre Reichsverweser Miklos Horthy musste im Oktober 1944 zurücktreten, um der faschistischen Terrorherrschaft der Pfeilkreuzler Platz zu machen.
von profil.at
Gregor Mayer, Budapest
Man kann nicht behaupten, Gabor Vona, der nie lächelnde Chef der rechtsextremen Partei Jobbik (Die Besseren/Die Rechteren), hätte nicht einen gewissen Sinn für Humor. Eine seiner Ansprachen begann der 31-Jährige im vergangenen Oktober mit folgender Sottise: „Wer kennt den Witz? Ferenc Gyurcsany (der in diesem März zurückgetretene sozialistische Ministerpräsident, Anm.) kommt ins Gefängnis und muss sich die Zelle mit einem zwei Meter großen, sexbesessenen Metalldieb (Synonym für kriminelle Roma, Anm.) teilen. Kennen Sie ihn? Nein? Ich leider auch nicht, aber er fängt gut an.“
Die Partei, die gegen Roma und Homosexuelle hetzt und mit antisemitischen Botschaften operiert, hat bei der Europawahl am vorvergangenen Sonntag aus dem Stand heraus 14,8 Prozent der Stimmen geschafft und drei von insgesamt 22 Mandaten erzielt. Doch auch der rechtspopulistische Bund Junger Demokraten (FIDESZ) schnitt mit 56,4 Prozent besser ab als bei jeder Wahl zuvor. Geführt wird diese Partei von dem ehemaligen Ministerpräsidenten Viktor Orban, der den noch regierenden Sozialisten mit „Abrechnung“ und Strafverfolgung droht und gegen das „internationale Finanzkapital“ wettert. Er träumt von einer Zweidrittelmehrheit bei der nächsten Wahl – spätestens im kommenden Frühjahr –, um dann ein autoritäres Präsidialsystem einzuführen.
In vielen EU-Ländern gewannen modernisierungsfeindliche, xenophobe und braune Parteien kräftig dazu. Doch nur in Ungarn entfielen auf rechte Populisten und Rechtsextreme zusammengenommen über 70 Prozent der abgegebenen Stimmen. Oft und immer wieder wurde beim Aufstieg populistischer oder faschistoider Kräfte geunkt, dieses oder jenes Land drohe dem Faschismus anheimzufallen. Immer wieder entpuppte sich solches Gerede als schierer Alarmismus. Doch Ungarn, wo sich in den vergangenen Jahren autoritäre Haltungen und aggressive Vorurteile gegen die Roma tief in der Mitte der Gesellschaft festgesetzt haben, könnte tatsächlich auf dem Weg dorthin sein.
Totgeschlagen. Jene, die dagegenhalten könnten, sind demoralisiert. Die derzeit allein regierende Ungarische Sozialistische Partei erlitt mit 17,4 Prozent ein schweres Debakel. „Man hat uns totgeschlagen“, seufzte die sozialistische Spitzenpolitikerin Katalin Szili resigniert am Tag danach. Der frühere Koalitionspartner, der Bund Freier Demokraten, schlitterte überhaupt in die Katastrophe. Mit nur 2,2 Prozent der Stimmen stehen die aus der alten Dissidentenbewegung hervorgegangenen Liberalen vor dem Ende als eigenständiger politischer Akteur.
Ins Wanken kam Ungarns Demokratie im Herbst 2006. Die berüchtigte Skandalrede Gyurcsanys, in dem dieser an seine Partei appellierte, endlich mit dem Lügen aufzuhören, drang an die Öffentlichkeit. Wochenlang ließen von der Rechten angefachte Unruhen das Land erbeben. Der Putschversuch misslang, doch Gyurcsanys Regierung war entscheidend geschwächt. Der FIDESZ unter Orban torpedierte jegliche wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Reformversuche mit populistischen Volksabstimmungen. Vor einem Jahr zerbrach die sozialliberale Koalition. Gyurcsany trat im März zurück. Orban trieb die immer glanz- und mutloser agierenden linken Regierungen vor sich her. Doch mit der Jobbik-Bewegung ist auf einmal eine neue Kraft da, die behauptet, das alles noch viel besser zu können. Jobbik redet nicht nur, sondern erweckt auch den Anschein der Handlungsfähigkeit.
Entmenscht. Im August 2007 gründete Gabor Vona die „Ungarische Garde“, eine paramilitärische Truppe mit Uniformen, die in Schnitt und Muster an jene von NS-Militärformationen erinnern. Die Garde veranstaltet martialische, bedrohlich wirkende Aufmärsche in Roma-Gemeinden. Jobbik und Garde mobilisieren mit dem Versprechen, effektiv gegen die „Zigeunerkriminalität“ zu kämpfen, vor allem ärmere Menschen, die in unmittelbarer Nachbarschaft zu verelendeten und sozial verwahrlosten Roma leben. Als „staatlich subventionierte Zigeunerzucht“ bezeichnete der Jobbik-Vize und frisch gebackene Europaabgeordnete Csanad Szegedi im Wahlkampf die Sozialhilfen, die an Roma gehen. „Barikad.hu“, die Internetseite der Jobbik, präsentierte wochenlang einen Comicstrip, der Jean de La Fontaines Fabel „Die Grille und die Ameise“ abwandelt und die Roma in „Stürmer“-Manier als entmenschte Schmarotzer und Vergewaltiger zeigt.
Die Hetzstrategie ging auf. In Nord- und Ostungarn, wo es einen hohen Roma-Bevölkerungsanteil gibt, erhielt die Jobbik bei der Europawahl mehr Stimmen als die Sozialisten. Diese Gebiete, in denen Industrieruinen wie die Stadt Miskolc oder die frühere Stahlschmiede Ozd liegen, waren bislang linke Hochburgen. Die Dynamik ist alarmierend. Hatten nicht auch Hitlers Nazis bei ihrem Aufstieg davon profitiert, dass ihnen angesichts der Wirtschaftskrise massenhaft Arbeiter zuliefen, die zuvor kommunistisch und sozialdemokratisch gewählt hatten?
Das von den Rechtsextremen geschürte Klima provozierte bereits rassistisch motivierte Morde. Fünf Roma starben seit letztem November bei bewaffneten Anschlägen auf ihre Elendshütten. Bei einer dieser Bluttaten wurden ein Vater und sein fünfjähriger Sohn erschossen. „Nicht einmal der Tod dieses Kindes hat das Land erschüttert“, gibt die Budapester Soziologin Maria Vasarhelyi zu bedenken. Für den Aufstieg der Jobbik macht sie vor allem Viktor Orban verantwortlich. „Er hat den Boden dafür bereitet.“ Als der 2002 die Wahlen relativ überraschend verlor, wollte er sich mit dem Ergebnis nicht abfinden. Er rief seine Anhänger dazu auf, gegen die „Wahlfälschung“ zu demonstrieren und sich in so genannten „Bürgerkreisen“ zu organisieren. So versuchte er, den Machtanspruch seiner Partei wachzuhalten. Eine Gruppe von jungen Männern Anfang 20, die nach nationalem Radikalismus dürsteten, nahm die Aufforderung ernst.
Der Geschichtsstudent Gabor Vona kam aus der Hochschülerschaft, andere aus der 2002 gleichfalls gescheiterten Ungarischen Wahrheits- und Lebenspartei des Antisemiten Istvan Csurka. Sie nutzten die „Bürgerkreise“ als Betätigungs- und Mobilisierungsplattform für den zielstrebigen Aufbau ihrer Jobbik. Orban hatte schon in seiner Regierungszeit (1998–2002) einen Hofstaat rechtsradikaler Publizisten aufgepäppelt. Die Wahlniederlage bestärkte ihn in seinem Credo, dass Ungarns Rechte „ein Lager, eine Fahne, einen Führer“ habe.
Orbans rechtsextreme Kampfschreiber versuchen indes, in Sachen Radikalität den vor allem im Internet agierenden Jobbik-Propagandisten Paroli zu bieten. Sieben Jahre derartiger extremistischer Mobilisierung haben das Meinungsklima in Ungarn nachhaltig verändert, stellt Vasarhelyi fest. „Der öffentliche Diskurs ist so verkommen, dass aggressive, obszöne, rassistische Äußerungen niemanden mehr vom Hocker reißen. Sie erscheinen vielfach sogar als normal.“ Eine Teilverantwortung falle auch den linksliberalen Regierungsparteien zu, die „in sieben Jahren kaum etwas weitergebracht haben“.
Pfeilkreuzler. Das Elend der ländlichen Roma, ihre Entkoppelung von der allgemeinen Gesellschaftsentwicklung, habe sich selbst noch zu einer Zeit verschärft, als der durchschnittliche Lebensstandard im Land gestiegen war. „Die Bürgermeister und Bewohner dieser Regionen fühlten sich mit den daraus resultierenden Problemen völlig alleingelassen.“
Vasarhelyi, die wegen ihrer schonungslosen Kritik an den ungarischen Zuständen selbst immer wieder zur Zielscheibe medialer Angriffe der Rechten wird, hofft, dass sich im FIDESZ, wenn er einmal an der Macht ist, „eine nüchterne, pragmatische Strömung durchsetzt“. Ob es dazu je kommen werde, weiß sie aber nicht. Andere bauen wiederum darauf, dass ein Land inmitten der EU nicht einfach zur braunen Diktatur mutieren kann – auch wenn Gabor Vona wiederholt damit droht, im Falle der Machterringung die privaten Fernsehsender TV 2 und RTL Klub zu schließen, Betreiber und Redakteure aus dem Land zu werfen und „ihre Fernsehstationen dem Erdboden gleichzumachen“.
Orban hingegen suggeriert, alles im Griff zu haben. „Mit der Ungarischen Garde“, gab er einmal die Richtung vor, „werden wir fertig wie damals Horthy mit den Pfeilkreuzlern: mit zwei Ohrfeigen.“ Was Orban nicht erwähnte: Der rechts-autoritäre Reichsverweser Miklos Horthy musste im Oktober 1944 zurücktreten, um der faschistischen Terrorherrschaft der Pfeilkreuzler Platz zu machen.
von profil.at
Freitag, 22. Mai 2009
ein brief an meine studenten (2007)
meine damen und herren!
ich war durchaus verwundert, als ich heute meine bewertung bekommen habe, und diese, besonders den stil betreffend, eine sehr schlechte war. ihr seid scheinbar in mehrfacher hinsicht ein nicht gewöhnlicher jahrgang, die tatsache, daß ihr sehr viele seid wird dadurch ergänzt, daß ihr der erste jahrgang seid, der probleme mit meinem stil hat. ihr werdet euch - so nehm ich an - nicht unbedingt daran gestoßen haben, daß einige male das wort "scheiße" erklungen ist, sondern an einem ganz konkreten fall, von dem ich dann über drei vermittlungspersonen gehört habe: es ging um den austrofaschismus, während dessen anfängen dollfuß das land mit regierungsverordnungen regierte - und ich habe als illustration darauf hingewiesen, daß sowas so absurd nicht ist und auch heute noch vorkommen kann, ja zwischen 1998 und 2002 auch hier praktiziert wurde. was ich danach gehört habe war: "rendesen beszólt a fideszeseknek" ich kann mich nicht erinnern, daß ich derlei getan hätte. ich habe ein beispiel aus der jüngsten ungarischen geschichte genommen, um österreichische geschichte zu illustrieren. bei uns gibt es den spruch "ein schelm, der böses dabei denkt" (rossz, aki rosszra gondol), der ist wohl auch in diesem falle sehr zutreffend. ich wollte mit diesem vergleich keine politische seite züchtigen oder eine andere hervorheben, aber ich will durchaus nicht leugnen, daß das ungarische demokratieverständnis - das aus dieser regierungsverordnungsgeschichte sehr gut zu erkennen ist - nicht das meine ist. denn menschen vorzuschreiben, was sie zu denken haben, seien die vorschreiber nun rot, orange, braun, schwarz, blau oder grün, das hat nichts mit demokratie zu tun. und sich wie die kleinen kaiser aufzuführen, wie es hier geschieht, seitdem ungarn eine eigene regierung hat (1867), hat auch nichts mit demokratie zu tun, und ich verstehe nicht, warum man nicht darüber reden darf. weiters ist mir einfach unverständlich, wie jemand damit einverstanden sein kann, wenn halbgebildete rechtsanwälte, die in ihrem ganzen leben außer zetteln hin- und herzuschieben noch nichts gearbeitet haben, die ungarische bevölkerung in ungarn und landesverräter einteilen? (stellt sich die frage, wo denn nun die zigeuner hingehören, die erhalten wohl nicht einmal den landesverräterstatus...).
warum hat keiner in der stunde reagiert, wenn mein "stil" den meisten so schlecht aufgestoßen ist, warum wurden mir im nachhinein 1er in die bewertung geschrieben? besprechen kann man alles - das ist aber hier das nächste problem - man ist hier nicht gewillt zu sprechen und nicht gewillt nachzugeben und nicht gewillt, vielleicht seine (mitunter vorgekaute, vorgefertigte) meinung zu überdenken. alle meinen, sie wären im besitz der absoluten wahrheit.
ich bin es nicht. ich täusche mich oft, vergesse einiges und habe auch schon oft meine meinung geändert.
wer in der ersten stunde aufgepaßt hat, hätte schon wissen können, daß ich nicht der national-christlich-konservativen ecke zuzurechnen bin, habe ich doch eine sendung im tilos radio, wo sich ja nur judenpack, schwule, landesverräter, weiteres kann hier nach belieben angefügt werden - herumtummeln. ich stehe zu meiner meinung, man kann gerne mit mir darüber diskutieren - und wer sich jetzt wiederum bemüßigt fühlt, mich in die feindesecke zu stellen, dem rate ich, nicht zu vergessen, daß ich 1) ausländer bin - man mich also nicht ernst nehmen muß; 2) ich keine politische seite irgendwie kritisiert oder bevorzugt habe, ich habe mich nur auf allen bekannte tatsachen gestützt.
freundliche grüße
clemens
geschrieben am 24. 1. 2007, nachdem ich nach einem semester landeskunde in der übersetzerausbeldung in der lehrerbewertung sogar einige "nicht genügend" vorfand.
ich war durchaus verwundert, als ich heute meine bewertung bekommen habe, und diese, besonders den stil betreffend, eine sehr schlechte war. ihr seid scheinbar in mehrfacher hinsicht ein nicht gewöhnlicher jahrgang, die tatsache, daß ihr sehr viele seid wird dadurch ergänzt, daß ihr der erste jahrgang seid, der probleme mit meinem stil hat. ihr werdet euch - so nehm ich an - nicht unbedingt daran gestoßen haben, daß einige male das wort "scheiße" erklungen ist, sondern an einem ganz konkreten fall, von dem ich dann über drei vermittlungspersonen gehört habe: es ging um den austrofaschismus, während dessen anfängen dollfuß das land mit regierungsverordnungen regierte - und ich habe als illustration darauf hingewiesen, daß sowas so absurd nicht ist und auch heute noch vorkommen kann, ja zwischen 1998 und 2002 auch hier praktiziert wurde. was ich danach gehört habe war: "rendesen beszólt a fideszeseknek" ich kann mich nicht erinnern, daß ich derlei getan hätte. ich habe ein beispiel aus der jüngsten ungarischen geschichte genommen, um österreichische geschichte zu illustrieren. bei uns gibt es den spruch "ein schelm, der böses dabei denkt" (rossz, aki rosszra gondol), der ist wohl auch in diesem falle sehr zutreffend. ich wollte mit diesem vergleich keine politische seite züchtigen oder eine andere hervorheben, aber ich will durchaus nicht leugnen, daß das ungarische demokratieverständnis - das aus dieser regierungsverordnungsgeschichte sehr gut zu erkennen ist - nicht das meine ist. denn menschen vorzuschreiben, was sie zu denken haben, seien die vorschreiber nun rot, orange, braun, schwarz, blau oder grün, das hat nichts mit demokratie zu tun. und sich wie die kleinen kaiser aufzuführen, wie es hier geschieht, seitdem ungarn eine eigene regierung hat (1867), hat auch nichts mit demokratie zu tun, und ich verstehe nicht, warum man nicht darüber reden darf. weiters ist mir einfach unverständlich, wie jemand damit einverstanden sein kann, wenn halbgebildete rechtsanwälte, die in ihrem ganzen leben außer zetteln hin- und herzuschieben noch nichts gearbeitet haben, die ungarische bevölkerung in ungarn und landesverräter einteilen? (stellt sich die frage, wo denn nun die zigeuner hingehören, die erhalten wohl nicht einmal den landesverräterstatus...).
warum hat keiner in der stunde reagiert, wenn mein "stil" den meisten so schlecht aufgestoßen ist, warum wurden mir im nachhinein 1er in die bewertung geschrieben? besprechen kann man alles - das ist aber hier das nächste problem - man ist hier nicht gewillt zu sprechen und nicht gewillt nachzugeben und nicht gewillt, vielleicht seine (mitunter vorgekaute, vorgefertigte) meinung zu überdenken. alle meinen, sie wären im besitz der absoluten wahrheit.
ich bin es nicht. ich täusche mich oft, vergesse einiges und habe auch schon oft meine meinung geändert.
wer in der ersten stunde aufgepaßt hat, hätte schon wissen können, daß ich nicht der national-christlich-konservativen ecke zuzurechnen bin, habe ich doch eine sendung im tilos radio, wo sich ja nur judenpack, schwule, landesverräter, weiteres kann hier nach belieben angefügt werden - herumtummeln. ich stehe zu meiner meinung, man kann gerne mit mir darüber diskutieren - und wer sich jetzt wiederum bemüßigt fühlt, mich in die feindesecke zu stellen, dem rate ich, nicht zu vergessen, daß ich 1) ausländer bin - man mich also nicht ernst nehmen muß; 2) ich keine politische seite irgendwie kritisiert oder bevorzugt habe, ich habe mich nur auf allen bekannte tatsachen gestützt.
freundliche grüße
clemens
geschrieben am 24. 1. 2007, nachdem ich nach einem semester landeskunde in der übersetzerausbeldung in der lehrerbewertung sogar einige "nicht genügend" vorfand.
Freitag, 15. Mai 2009
Ringelnatz an der TU
In der allerletzten Stunde meiner Karriere an der TU Budapest, haben wir uns mit Nonsense-Gedichten von Morgenstern und Ringelnatz beschäftigt. Die Gruppe war zuerst ein wenig skeptisch, später aber, als es darum ging, von Ringelnatz ein kurzes Gedichtchen zu übersetzen, ziemlich begeistert dabei. Und ich habe mir gedacht, man hätte in den zwei Jahren der Ausbildung öfter sowas machen sollen. Aber hier handelt es sich ja um eine Fachübersetzerausbildung... Mit all ihrer vorgeschriebenen Phantasielosigkeit.
Die Ameisen
In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee,
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.
A hangyapár
Gondolt egyet egy hamburgi hangyapár:
Gyerünk, ránk Ausztrália vár!
Jött azonban Firenze,
és a lábukat igencsak kikezdte.
Az útnak így vége szakadt;
jobb ma egy láb, mint holnap két pata.
Nóra Takács
Két hangya
Volt egyszer két hangya,
Hamburgból Ausztráliába tartva,
Félúton elfáradtak,
Lábfájásra panaszkodtak,
és okos döntést hoztak,
amikor az útról lemondtak.
Barbara Koszorú, Kati Molnár
A hangya
Budapesten élt egy hangya,
vágyott távoli kalandra.
Elindult hát Afrikába,
Csepelnél már fájt a lába.
Így aztán egy bölcs döntéssel
hazament az első HÉV-vel.
Judit Koren
----------------------------
Ein männlicher Briefmark
Ein männlicher Briefmark erlebte
Was Schönes, bevor er klebte.
Er war von einer Prinzessin beleckt.
Da war die Liebe in ihm erweckt
Er wollte sie wiederküssen,
Da hat er verreisen müssen.
So liebte er sie vergebens.
Das ist die Tragik des Lebens!
Egy hímbélyeg sorsa
Egy hímbélyeg szívét
lángra lobbantotta
egy hercegnő nyelve,
mielőtt feltapasztotta.
Csókolta volna ő is a nőt,
de a hosszú út már hívta őt.
Na de hiába is csókolta volna,
A hölgy férjhez megy holnap.
Gréta Pásztor
Volt egyszer egy bélyegsrác
Volt egyszer egy bélyegsrác
Fényes felén nem volt lánc
Kit még ragadása előtt
Telibe nyalt egy hercegnő.
Több se kellett bélyegsrácnak
Máris rózsafelhők szálltak
De az élet tragikus,
Szállt a postagalamb: Huss!
Sándor Bessenyei
--------------------------------
Bumerang
War einmal ein Bumerang;
War ein Weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück,
Aber kam nicht mehr zurück.
Publikum - noch stundenlang
wartete auf Bumerang.
Bumeráng
Ide-oda szálldogál
Ez a széles bumeráng
Mégis hiába várod,
Vissza többé nem kapod.
Ki csak hívja, ki csábítja,
Mind hiába, mind hiába.
Sándor Bessenyei
A Bumeráng
Volt egyszer egy bumeráng,
egy kicsit hosszú volt talán,
felszökött az egekbe,
nem tudta senki, visszatér-e.
és a jónép izgatottan
tűnődött, hogy vajon hol van.
Clemens Prinz
Die Ameisen
In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee,
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.
A hangyapár
Gondolt egyet egy hamburgi hangyapár:
Gyerünk, ránk Ausztrália vár!
Jött azonban Firenze,
és a lábukat igencsak kikezdte.
Az útnak így vége szakadt;
jobb ma egy láb, mint holnap két pata.
Nóra Takács
Két hangya
Volt egyszer két hangya,
Hamburgból Ausztráliába tartva,
Félúton elfáradtak,
Lábfájásra panaszkodtak,
és okos döntést hoztak,
amikor az útról lemondtak.
Barbara Koszorú, Kati Molnár
A hangya
Budapesten élt egy hangya,
vágyott távoli kalandra.
Elindult hát Afrikába,
Csepelnél már fájt a lába.
Így aztán egy bölcs döntéssel
hazament az első HÉV-vel.
Judit Koren
----------------------------
Ein männlicher Briefmark
Ein männlicher Briefmark erlebte
Was Schönes, bevor er klebte.
Er war von einer Prinzessin beleckt.
Da war die Liebe in ihm erweckt
Er wollte sie wiederküssen,
Da hat er verreisen müssen.
So liebte er sie vergebens.
Das ist die Tragik des Lebens!
Egy hímbélyeg sorsa
Egy hímbélyeg szívét
lángra lobbantotta
egy hercegnő nyelve,
mielőtt feltapasztotta.
Csókolta volna ő is a nőt,
de a hosszú út már hívta őt.
Na de hiába is csókolta volna,
A hölgy férjhez megy holnap.
Gréta Pásztor
Volt egyszer egy bélyegsrác
Volt egyszer egy bélyegsrác
Fényes felén nem volt lánc
Kit még ragadása előtt
Telibe nyalt egy hercegnő.
Több se kellett bélyegsrácnak
Máris rózsafelhők szálltak
De az élet tragikus,
Szállt a postagalamb: Huss!
Sándor Bessenyei
--------------------------------
Bumerang
War einmal ein Bumerang;
War ein Weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück,
Aber kam nicht mehr zurück.
Publikum - noch stundenlang
wartete auf Bumerang.
Bumeráng
Ide-oda szálldogál
Ez a széles bumeráng
Mégis hiába várod,
Vissza többé nem kapod.
Ki csak hívja, ki csábítja,
Mind hiába, mind hiába.
Sándor Bessenyei
A Bumeráng
Volt egyszer egy bumeráng,
egy kicsit hosszú volt talán,
felszökött az egekbe,
nem tudta senki, visszatér-e.
és a jónép izgatottan
tűnődött, hogy vajon hol van.
Clemens Prinz
Freitag, 1. Mai 2009
Mein erstes Schragl
von Radek Knapp
So leicht diese Staatsgrenze zu überschreiten war, so verhängnisvoll war die nächste: Der Übergang von der slawischen Sprache in die germanische.
Man sagt, je mehr Grenzen es gibt, auf die ein Mensch im Laufe seines Lebens stößt, desto besser für ihn. In diesem Fall hatte ich es wirklich gut. Als ich auf die erste ernstzunehmende Grenze in meinem Leben stieß, war ich erst zwölf. Es war gleich eine Staatsgrenze. Als wir in Drasenhofen vor dem rotweißroten Schranken stehengeblieben waren, kamen aus dem Zollhaus ein paar grimmig dreinsehende Männer heraus, an deren Gürtel echte Pistolen hingen. Der erste Österreicher, den ich also im Leben sah, war bewaffnet. Glücklicherweise wird nie so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Als die Zöllner unsere Pässe zu studieren begannen, studierte ich im Gegenzug ihre Pistolen. Beim genaueren Hinsehen sah man, dass sie nicht oft verwendet wurden. Der Staub hatte sich in die Griffkolben bereits hineingefressen, und bei einem Zöllner wirkte die Waffe, als wäre sie mit dem Futteral zusammengewachsen. Am Ende der Kontrolle brachte sogar einer der Zöllner eine Grimasse zusammen, die man durchaus als ein Lächeln auslegen konnte.
So leicht jedoch diese Grenze zu überschreiten war, so verhängnisvoll war die nächste: Der Übergang von der slawischen Sprache in die germanische. Deutsch zu lernen war für einen Polen sowieso nie ein Vergnügen. Wenn man noch dazu zwölfjährig war, war das Deutsche nicht nur ein kantiges, raues Kauderwelsch, sondern auch noch die Sprache des Feindes. Bis heute flimmert über die polnischen Fernsehkanäle eine Kriegsfilmserie, die ich als Zwölfjähriger vergötterte. Sie trägt den auf Deutsch dämlich klingenden Titel Vier Panzerfahrer und ein Hund und spielte während des Zweiten Weltkrieges. Wenn die Polen außer Papst Johannes II. und dem Schispringer Adam Malysz Helden hatten, dann diese wackeren Panzerfahrer.
Diese vier Soldaten, die sich niemals wuschen, vollbrachten ein militärisches Wunder nach dem anderen. Sie besaßen einen Panzer russischer Bauart, den sie erstaunlich selten abfeuerten und in dem sie durch Dutzende Folgen Richtung Berlin rollten, wo sie eines Tages auf dem Reichstag die polnischen Fahne hissen sollten. Sie hätten es niemals ohne Scharik, ihren Hund, geschafft. Er hatte die Gabe, eine deutsche Wehrmachtsuniform auf einen Kilometer gegen den Wind zu riechen, wobei die Tatsache, ein deutscher Schäferhund zu sein, ihm sicher dabei half. Und zweitens besaßen die Panzerfahrer ausgezeichnete Deutschkenntnisse, die sich in zwei Sätzen zusammenfassen lassen: Der erste Satz ging: "Hände hoch, oder ich schieße" und der zweite: "Wo ist der Sturmbannführer Stettke?"
Mit diesen beiden Sätzen kam ich interessanterweise in Wien das erste halbe Jahr erstaunlich gut über die Runden. Aber spätestens als ich in die Pubertät kam und mich für die Mädchen zu interessieren begann, wurde klar, dass ich damit nicht weit kommen würde.
In Wien begriff ich aber, dass mein Problem nicht nur im Erlernen der deutschen Sprache bestand, sondern darin, dass man in Wien gar nicht Deutsch sprach. Ich werde nie vergessen, als ich mich einmal in ein Gasthaus in Ottakring verirrte und gleich an der Schwelle den mysteriösen Satz hörte: "Sprüh a Wolkn!"
An den Gesichtern, die diesen Satz gerade fallen ließen, erkannte ich eines. Es war keine Aufforderung, eine Wolke mit einer Spraydose zu bearbeiten, sondern das Lokal recht flott wieder zu verlassen. Von da an staunte ich, wie viele Ausdrücke es in dieser traditionell gastfreundlichen Stadt gab, die einen zum Sich-Entfernen auffordern.
Zum Beispiel "Schlag a Wöhn". Ins Deutsche übersetzt "Schlag eine Welle" bedeutete das Gleiche wie eine Wolke sprühen. Eine "Welle nicht zu schlagen" wäre sehr töricht, sollte diese Aufforderung im Bezirk Favoriten ausgesprochen worden sein. Stark im Kommen ist übrigens wieder das gute alte: "Hau di iba d’Heisa".
Wahrscheinlich, weil es so arabisch klingt. Da kam mir ein "Moch an Servas" dagegen eigentlich schon recht elegant rüber. Ganz zu schweigen von solchen Evergreens wie "Schleich di", "Drah di" oder "Geh bodn".
Hau di iba d’Heisa
Dass das Wienerische sich viele Wörter aus slawischen Sprachen geliehen hat, war nicht wirklich ein Trost für mich. Wie sollte ich zum Beispiel wissen, dass das wienerische "Tschopperl" vom tschechischen Wort èapek, also Storch, stammt. Gemeint war ein gutmütiger geistig minderbemittelter Bürger, auch Trottel genannt. Ich wurde zum Beispiel so lange als "Tschopperl" bezeichnet, bis ich es mir endlich gemerkt hatte.
Viel attraktiver erschien mir dafür der Ausdruck auf "Lepschi" gehen, was bedeutete "einen Aufriss machen". Es kam auch vom slawischen Wort "lepsi", was so viel wie "besser" heißt und damit zu verstehen gab, dass Fremdgehen nicht unbedingt gleich so schlecht sein muss, wie die Leute sagen.
Am bequemsten hatten es natürlich wieder mal die Italiener. Aus dem Italienischen wurden nämlich die interessantesten Wiener Ausdrücke ausgeliehen, was auch durchaus sinnvoll war. So kamen die Italiener, die ja nie eine Fremdsprache beherrschen, in den Genuss, wenigstens stellenweise Wienerisch zu verstehen.
"Gspusi" bedeutet auf wienerisch eine Affäre und kommt von "sposa", das italienische Wort für Verlobte. "Büsln" kommt aus dem italienischen "pisolare" – ein Nickerchen machen. Und das Wort "Tschick" kommt von cicca, was einen Zigarettenstummel umschreibt. Somit konnte ich den ersten Satz auf Wienerisch bauen, den Italiener nicht nur verstehen, sondern auch sicherlich gutheißen würden: "Zuerst kleine Gspusi, dann bissi büsln und danach Tschick." Wann das Wienerische entstand, konnte mir allerdings kein Wiener genau sagen, aber dafür wurde mir schnell klar, warum man es erfand. Der Wiener hat den Wiener Dialekt deshalb erfunden, damit er sofort jeden Nichtwiener entlarven kann. So mancher Akzentkünstler, und darunter waren linguistische Genies, die mühelos das Französische, Portugiesische und sogar Suaheli beherrschten, musste vor dem Wienerischen passen. Es ließ sich einfach nicht nachmachen, es sei denn, man hatte das Privileg, in einem der 23 Wiener Bezirke geboren worden zu sein. Aber sogar hier gab es zwischen den Bezirken feine Abstufungen. Einige unterschieden sich durch bestimmten Tonfall, vor allem aber durch zahlreiche Ausdrücke, die es im Laufe der Jahrhunderte nicht geschafft hatten, den Dunstkreis von tausend Metern zu überbrücken. Mit einem Wort: In Wien herrschte eine Dialektvielfalt wie im Kongobecken. Es waren zwar nur drei Kilometer von Favoriten bis nach Meidling, fünf Minuten mit der U-Bahn, aber es lagen Lichtjahre zwischen dem Meidlinger L und dem Favoritener Slang. Im sechzehnten Bezirk haben sich einige Unterdialekte ausgebildet, die nur noch in wenigen Hinterhöfen gesprochen werden. Sie werden offensichtlich in direkter Linie vom Vater auf den Sohn vererbt und sterben offenbar erst dann aus, wenn die Sprösse des 16. Bezirks beschließen, einen kollektiven Selbstmord zu begehen, indem sie in ihren getunten und frisierten BMW Turbos gegen das Haus des Meeres fahren, das bekanntlich über sehr solide Außenwände verfügt.
Zum Schluss kann ich selber aus meinem unerschöpflichen Erfahrungsschatz beisteuern, wie folgenschwer die Unkenntnis des Dialektes sein kann. Mit 20 Jahren arbeitete ich in einer Druckerei, und meine Aufgabe bestand darin, Zeitungen zu bündeln. Ich steckte sie in eine Maschine, aus der ein Faden herausschoss. Wenn man sich verschaut hatte, schoss der Faden blitzschnell hinaus und schnürte nicht nur das Zeitungsbündel, sondern auch die beiden Hände, mit denen man es hielt, dazu. Dann musste man sich an einen Arbeitskollegen wenden, der einen kopfschüttelnd mit einem "Jessas, Jessas" und einer Schere befreite. Auf diese Weise arbeitete ich ein paar Wochen in der Halle A und war ganz verblüfft, so viel Geld für so eine spannende Arbeit zu bekommen. Aber dann passierte das Unglück. Eines Tages sagte mein Chef, ich solle in die Halle B gehen und ein "Schragl" holen. Auf die Frage, was ein "Schragl" ist, erntete ich den Blick eines Mannes, der noch nie eine blödere Frage gehört hatte. "Ein Schragl ist ein Schragl", erklärte er mir. Ich verließ zum ersten Mal die traute Halle A und begab mich in die Halle B, wo ich nach einem "Schragl" verlangte. Man gab mir eine Art Regal auf Rädern. Glücklich kehrte ich in die Halle A zurück und übergab es meinem Chef. Der sah mich entgeistert an und sagte: "Wos host ma brocht? Des is a Holztischerl und ka Schragl." Ich schüttelte den Kopf "Das ist ganz gewiss ein Schragl". Der Chef platzte heraus: "I orbeit schon 20 Jahre do, und du wirst mir net sagen, wos a Schragl is, kloar?"
Ich trottete zurück in die Halle B und machte kurzen Prozess "Das ist ein Holztischerl", ließ ich in der anderen Halle verlautbaren. Dort hörte ich einen Spruch, der mir bekannt vorkam: "I arbeit schon 20 Jahre do und weiß, was a Holztischerl ist. Des is a Schragl." "Aber nicht in der Halle A", gab ich zu bedenken.
Ich wurde an diesem Vormittag mehrmals wie ein Pingpongball hin und hergeschickt, bis ich das delikate linguistische Gleichgewicht zwischen Halle A und B derart durcheinandergebracht hatte, dass man es nur durch eine radikale Maßnahme wiederherstellen konnte. Ich wurde am nächsten Tag entlassen. Ich bin mir bis heute noch nicht ganz sicher, was ein "Schragl" ist. (Radek Knapp)
Zur Person:
Radek Knapp ist österreichischer Schriftsteller. Er wuchs bei seinen Großeltern in Polen auf und folgte 1976 seiner Mutter nach Wien. Der Durchbruch als Autor gelang ihm 1994 mit seinem Erzählband "Franio", er erhielt dafür den Aspekte-Literaturpreis. 2003 erschien sein Roman "Papiertiger" und zuletzt seine "Gebrauchsanweisung für Polen" (beide im Piper Verlag).
So leicht diese Staatsgrenze zu überschreiten war, so verhängnisvoll war die nächste: Der Übergang von der slawischen Sprache in die germanische.
Man sagt, je mehr Grenzen es gibt, auf die ein Mensch im Laufe seines Lebens stößt, desto besser für ihn. In diesem Fall hatte ich es wirklich gut. Als ich auf die erste ernstzunehmende Grenze in meinem Leben stieß, war ich erst zwölf. Es war gleich eine Staatsgrenze. Als wir in Drasenhofen vor dem rotweißroten Schranken stehengeblieben waren, kamen aus dem Zollhaus ein paar grimmig dreinsehende Männer heraus, an deren Gürtel echte Pistolen hingen. Der erste Österreicher, den ich also im Leben sah, war bewaffnet. Glücklicherweise wird nie so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Als die Zöllner unsere Pässe zu studieren begannen, studierte ich im Gegenzug ihre Pistolen. Beim genaueren Hinsehen sah man, dass sie nicht oft verwendet wurden. Der Staub hatte sich in die Griffkolben bereits hineingefressen, und bei einem Zöllner wirkte die Waffe, als wäre sie mit dem Futteral zusammengewachsen. Am Ende der Kontrolle brachte sogar einer der Zöllner eine Grimasse zusammen, die man durchaus als ein Lächeln auslegen konnte.
So leicht jedoch diese Grenze zu überschreiten war, so verhängnisvoll war die nächste: Der Übergang von der slawischen Sprache in die germanische. Deutsch zu lernen war für einen Polen sowieso nie ein Vergnügen. Wenn man noch dazu zwölfjährig war, war das Deutsche nicht nur ein kantiges, raues Kauderwelsch, sondern auch noch die Sprache des Feindes. Bis heute flimmert über die polnischen Fernsehkanäle eine Kriegsfilmserie, die ich als Zwölfjähriger vergötterte. Sie trägt den auf Deutsch dämlich klingenden Titel Vier Panzerfahrer und ein Hund und spielte während des Zweiten Weltkrieges. Wenn die Polen außer Papst Johannes II. und dem Schispringer Adam Malysz Helden hatten, dann diese wackeren Panzerfahrer.
Diese vier Soldaten, die sich niemals wuschen, vollbrachten ein militärisches Wunder nach dem anderen. Sie besaßen einen Panzer russischer Bauart, den sie erstaunlich selten abfeuerten und in dem sie durch Dutzende Folgen Richtung Berlin rollten, wo sie eines Tages auf dem Reichstag die polnischen Fahne hissen sollten. Sie hätten es niemals ohne Scharik, ihren Hund, geschafft. Er hatte die Gabe, eine deutsche Wehrmachtsuniform auf einen Kilometer gegen den Wind zu riechen, wobei die Tatsache, ein deutscher Schäferhund zu sein, ihm sicher dabei half. Und zweitens besaßen die Panzerfahrer ausgezeichnete Deutschkenntnisse, die sich in zwei Sätzen zusammenfassen lassen: Der erste Satz ging: "Hände hoch, oder ich schieße" und der zweite: "Wo ist der Sturmbannführer Stettke?"
Mit diesen beiden Sätzen kam ich interessanterweise in Wien das erste halbe Jahr erstaunlich gut über die Runden. Aber spätestens als ich in die Pubertät kam und mich für die Mädchen zu interessieren begann, wurde klar, dass ich damit nicht weit kommen würde.
In Wien begriff ich aber, dass mein Problem nicht nur im Erlernen der deutschen Sprache bestand, sondern darin, dass man in Wien gar nicht Deutsch sprach. Ich werde nie vergessen, als ich mich einmal in ein Gasthaus in Ottakring verirrte und gleich an der Schwelle den mysteriösen Satz hörte: "Sprüh a Wolkn!"
An den Gesichtern, die diesen Satz gerade fallen ließen, erkannte ich eines. Es war keine Aufforderung, eine Wolke mit einer Spraydose zu bearbeiten, sondern das Lokal recht flott wieder zu verlassen. Von da an staunte ich, wie viele Ausdrücke es in dieser traditionell gastfreundlichen Stadt gab, die einen zum Sich-Entfernen auffordern.
Zum Beispiel "Schlag a Wöhn". Ins Deutsche übersetzt "Schlag eine Welle" bedeutete das Gleiche wie eine Wolke sprühen. Eine "Welle nicht zu schlagen" wäre sehr töricht, sollte diese Aufforderung im Bezirk Favoriten ausgesprochen worden sein. Stark im Kommen ist übrigens wieder das gute alte: "Hau di iba d’Heisa".
Wahrscheinlich, weil es so arabisch klingt. Da kam mir ein "Moch an Servas" dagegen eigentlich schon recht elegant rüber. Ganz zu schweigen von solchen Evergreens wie "Schleich di", "Drah di" oder "Geh bodn".
Hau di iba d’Heisa
Dass das Wienerische sich viele Wörter aus slawischen Sprachen geliehen hat, war nicht wirklich ein Trost für mich. Wie sollte ich zum Beispiel wissen, dass das wienerische "Tschopperl" vom tschechischen Wort èapek, also Storch, stammt. Gemeint war ein gutmütiger geistig minderbemittelter Bürger, auch Trottel genannt. Ich wurde zum Beispiel so lange als "Tschopperl" bezeichnet, bis ich es mir endlich gemerkt hatte.
Viel attraktiver erschien mir dafür der Ausdruck auf "Lepschi" gehen, was bedeutete "einen Aufriss machen". Es kam auch vom slawischen Wort "lepsi", was so viel wie "besser" heißt und damit zu verstehen gab, dass Fremdgehen nicht unbedingt gleich so schlecht sein muss, wie die Leute sagen.
Am bequemsten hatten es natürlich wieder mal die Italiener. Aus dem Italienischen wurden nämlich die interessantesten Wiener Ausdrücke ausgeliehen, was auch durchaus sinnvoll war. So kamen die Italiener, die ja nie eine Fremdsprache beherrschen, in den Genuss, wenigstens stellenweise Wienerisch zu verstehen.
"Gspusi" bedeutet auf wienerisch eine Affäre und kommt von "sposa", das italienische Wort für Verlobte. "Büsln" kommt aus dem italienischen "pisolare" – ein Nickerchen machen. Und das Wort "Tschick" kommt von cicca, was einen Zigarettenstummel umschreibt. Somit konnte ich den ersten Satz auf Wienerisch bauen, den Italiener nicht nur verstehen, sondern auch sicherlich gutheißen würden: "Zuerst kleine Gspusi, dann bissi büsln und danach Tschick." Wann das Wienerische entstand, konnte mir allerdings kein Wiener genau sagen, aber dafür wurde mir schnell klar, warum man es erfand. Der Wiener hat den Wiener Dialekt deshalb erfunden, damit er sofort jeden Nichtwiener entlarven kann. So mancher Akzentkünstler, und darunter waren linguistische Genies, die mühelos das Französische, Portugiesische und sogar Suaheli beherrschten, musste vor dem Wienerischen passen. Es ließ sich einfach nicht nachmachen, es sei denn, man hatte das Privileg, in einem der 23 Wiener Bezirke geboren worden zu sein. Aber sogar hier gab es zwischen den Bezirken feine Abstufungen. Einige unterschieden sich durch bestimmten Tonfall, vor allem aber durch zahlreiche Ausdrücke, die es im Laufe der Jahrhunderte nicht geschafft hatten, den Dunstkreis von tausend Metern zu überbrücken. Mit einem Wort: In Wien herrschte eine Dialektvielfalt wie im Kongobecken. Es waren zwar nur drei Kilometer von Favoriten bis nach Meidling, fünf Minuten mit der U-Bahn, aber es lagen Lichtjahre zwischen dem Meidlinger L und dem Favoritener Slang. Im sechzehnten Bezirk haben sich einige Unterdialekte ausgebildet, die nur noch in wenigen Hinterhöfen gesprochen werden. Sie werden offensichtlich in direkter Linie vom Vater auf den Sohn vererbt und sterben offenbar erst dann aus, wenn die Sprösse des 16. Bezirks beschließen, einen kollektiven Selbstmord zu begehen, indem sie in ihren getunten und frisierten BMW Turbos gegen das Haus des Meeres fahren, das bekanntlich über sehr solide Außenwände verfügt.
Zum Schluss kann ich selber aus meinem unerschöpflichen Erfahrungsschatz beisteuern, wie folgenschwer die Unkenntnis des Dialektes sein kann. Mit 20 Jahren arbeitete ich in einer Druckerei, und meine Aufgabe bestand darin, Zeitungen zu bündeln. Ich steckte sie in eine Maschine, aus der ein Faden herausschoss. Wenn man sich verschaut hatte, schoss der Faden blitzschnell hinaus und schnürte nicht nur das Zeitungsbündel, sondern auch die beiden Hände, mit denen man es hielt, dazu. Dann musste man sich an einen Arbeitskollegen wenden, der einen kopfschüttelnd mit einem "Jessas, Jessas" und einer Schere befreite. Auf diese Weise arbeitete ich ein paar Wochen in der Halle A und war ganz verblüfft, so viel Geld für so eine spannende Arbeit zu bekommen. Aber dann passierte das Unglück. Eines Tages sagte mein Chef, ich solle in die Halle B gehen und ein "Schragl" holen. Auf die Frage, was ein "Schragl" ist, erntete ich den Blick eines Mannes, der noch nie eine blödere Frage gehört hatte. "Ein Schragl ist ein Schragl", erklärte er mir. Ich verließ zum ersten Mal die traute Halle A und begab mich in die Halle B, wo ich nach einem "Schragl" verlangte. Man gab mir eine Art Regal auf Rädern. Glücklich kehrte ich in die Halle A zurück und übergab es meinem Chef. Der sah mich entgeistert an und sagte: "Wos host ma brocht? Des is a Holztischerl und ka Schragl." Ich schüttelte den Kopf "Das ist ganz gewiss ein Schragl". Der Chef platzte heraus: "I orbeit schon 20 Jahre do, und du wirst mir net sagen, wos a Schragl is, kloar?"
Ich trottete zurück in die Halle B und machte kurzen Prozess "Das ist ein Holztischerl", ließ ich in der anderen Halle verlautbaren. Dort hörte ich einen Spruch, der mir bekannt vorkam: "I arbeit schon 20 Jahre do und weiß, was a Holztischerl ist. Des is a Schragl." "Aber nicht in der Halle A", gab ich zu bedenken.
Ich wurde an diesem Vormittag mehrmals wie ein Pingpongball hin und hergeschickt, bis ich das delikate linguistische Gleichgewicht zwischen Halle A und B derart durcheinandergebracht hatte, dass man es nur durch eine radikale Maßnahme wiederherstellen konnte. Ich wurde am nächsten Tag entlassen. Ich bin mir bis heute noch nicht ganz sicher, was ein "Schragl" ist. (Radek Knapp)
Zur Person:
Radek Knapp ist österreichischer Schriftsteller. Er wuchs bei seinen Großeltern in Polen auf und folgte 1976 seiner Mutter nach Wien. Der Durchbruch als Autor gelang ihm 1994 mit seinem Erzählband "Franio", er erhielt dafür den Aspekte-Literaturpreis. 2003 erschien sein Roman "Papiertiger" und zuletzt seine "Gebrauchsanweisung für Polen" (beide im Piper Verlag).
Montag, 23. März 2009
behindertenparkausweis? ist doch lächerlich!
die parkwächter in budapest sind ein eigenartiges völkchen. abgesehen davon, daß viele die grundschule nicht abgeschlossen und deshalb nicht einmal wirklich lesen können, verhalten sie sich nicht freundlich, sondern äußerst präpotent. sie spekulieren oft mit der unaufmerksamkeit der autofahrer (es werden strafzettel verteilt, auf denen sich die autonummer um eine ziffer von jener des parkenden autos unterscheidet - in der hoffnung, daß man die strafe einzahlt (ist mir auch schon passiert), und wirtschaften in die eigene tasche - es genügt ein zettel hinter der windschutzscheibe, in welchem laden sich der fahrer gerade aufhält; neuerdings werden neben strafen, die gar nicht ans auto geheftet werden (das bringt im späteren dann mehr: mahnung usw.), von vielen parkwächtern auch autos mit behindertenparkausweis gestraft. fakt ist, daß hier viele mit gefälschten oder gestohlenen ausweisen parken (bekannten, die berechtigterweise einen ausweis hatten, wurde deswegen das fenster eingeschlagen) - diese ausweise sieht man hinter der windschutzscheibe von neuen bmws, mercedes, geländewagen; aber ist das die lösung? alle mit behindertenausweisen zu strafen; mit so fadenscheinigen begründungen wie ausweis nicht überprüfbar, seriennummer nicht sichtbar usf.? und wie können sich einfache parkwächter anmaßen, zwischen gut und böse unterscheiden zu können - durch glas hindurch und des lesens kaum mächtig?
Dienstag, 10. März 2009
geschwindigkeitsbeschränkungen sind sinnlos!
bei so einer überschrift möchte man fast an die deutschen autobahnen denken; es geht aber hier um eine novellierung der ungarischen stvo und zwar dergestalt, daß die polizei dem verkehrsministerium vorgeschlagen hat, bei ungesicherten fußgängerübergängen den autofahrern gesetzlich vorzuschreiben, die geschwindigkeit auf höchstens 30 kmh zu verringern. diese gesetzesvorlage hat eine konkrete vorgeschichte (wer hier in ungarn verkehrt, weiß, daß autofahrer nur dann vor dem zebrastreifen stehenbleiben, wenn die hölle einfriert): letztes jahr war auf einem zebrastreifen in pécs eine großmutter, die einen kinderwagen schob, mit ihrem enkel zu tode gefahren worden. vor einigen tagen wurde ein älteres ehepaar in budapest auf dem zebrastreifen todgefahren.
das verkehrsministerium hat diesen gesetzesvorschlag mit der begründung zurückgeschmettert, daß sich an diese vorschrift, wie an die vorschrift vor bahnübergängen die geschwindigkeit zu reduzieren, sowieso keiner halten wird. republik schilda oder nicht?
das verkehrsministerium hat diesen gesetzesvorschlag mit der begründung zurückgeschmettert, daß sich an diese vorschrift, wie an die vorschrift vor bahnübergängen die geschwindigkeit zu reduzieren, sowieso keiner halten wird. republik schilda oder nicht?
Mittwoch, 4. März 2009
Wie viel man in Ungarn verdient
In Ungarn gibt es ein Mindestgehalt, das bezahlt werden muß. Es liebt bei ungefähr 50.000 Forint (162 €) für Leute ohne Hochschulabschluß, wenn man Hochschulabschluß hat, beträgt es ungefähr das Doppelte.
Nach sieben Jahren Unterricht an der Uni verdiene ich 106.000 Ft. (ca. 344 Euro) Zusammen mit dem Karenzgeld meiner besseren Hälfte (rund 20.000 Ft. ~ 65 Euro), verfügen wir also monatlich über 409 Euro, um unser Leben zu bestreiten.
Kosten für Miete fallen keine an, weil die Wohnung vor einigen Jahren aus lange erspartem Geld erworben wurde.
104 € Betriebskosten (Heizung, Wasser)
23 € Strom
3 € Gas (zum Kochen)
130 € Nahrungsmittel (nichts Exklusives: Kartoffel, Fleisch, Käse, wenig Gemüse, viel Reis)
23 € Internet
29 € Festnetztelefon, Handys
46 € Garage
50 € Autoversicherung
49 € Zigaretten
6 € Haushaltsversicherung
0 € Kleidung, Kultur, Benzin, Reparaturen
463 € insgesamt
Wir haben also ein Minus von 54 €. Ja, das könnte man zB. mit den Zigaretten einsparen. Dann wäre man aber immer noch erst bei pari und es wäre immer noch kein Geld für Kultur, Kleidung, Benzin, Reparaturen, Medikamente oder gar Urlaub vorhanden. Ich gehöre in Ungarn zu denen, die nicht so schlecht verdienen.
Nach sieben Jahren Unterricht an der Uni verdiene ich 106.000 Ft. (ca. 344 Euro) Zusammen mit dem Karenzgeld meiner besseren Hälfte (rund 20.000 Ft. ~ 65 Euro), verfügen wir also monatlich über 409 Euro, um unser Leben zu bestreiten.
Kosten für Miete fallen keine an, weil die Wohnung vor einigen Jahren aus lange erspartem Geld erworben wurde.
104 € Betriebskosten (Heizung, Wasser)
23 € Strom
3 € Gas (zum Kochen)
130 € Nahrungsmittel (nichts Exklusives: Kartoffel, Fleisch, Käse, wenig Gemüse, viel Reis)
23 € Internet
29 € Festnetztelefon, Handys
46 € Garage
50 € Autoversicherung
49 € Zigaretten
6 € Haushaltsversicherung
0 € Kleidung, Kultur, Benzin, Reparaturen
463 € insgesamt
Wir haben also ein Minus von 54 €. Ja, das könnte man zB. mit den Zigaretten einsparen. Dann wäre man aber immer noch erst bei pari und es wäre immer noch kein Geld für Kultur, Kleidung, Benzin, Reparaturen, Medikamente oder gar Urlaub vorhanden. Ich gehöre in Ungarn zu denen, die nicht so schlecht verdienen.
Montag, 2. März 2009
Ungarn - Hass und Antisemitismus fest verankert
Seit in Ungarn rechtsextreme Gruppen immer öfter auf die Straße gehen, beschäftigt sich auch die Innenpolitik mit Fremdenhass und Antisemitismus. Eine aktuelle Studie zeigt, rechtsextremes Gedankengut ist weit verbreitet.
Von Reinhold Vetter
In einer neuen, repräsentativen Studie weist der Budapester Soziologe Pal Tamas nach, dass rechtsradikale Ideologie nicht nur von rechtsextremistischen Randgruppen verbreitet wird, sondern in Teilen der ungarischen Gesellschaft tief verankert ist. "Wir finden solche Denkmuster in allen politischen Lagern", sagt Tamas. Damit seien sie ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung vorgedrungen.
Knapp 16 Prozent der von ihm und seinen Mitarbeitern Befragten meinten, dass ihre politischen Auffassungen extrem rechts seien. Weitere 29 Prozent definierten ihren Standpunkt als rechts von der Mitte. In der Studie wird auch nachgewiesen, dass gerade Teile der Wählerschaft der großen Parteien für Fremdenhass und Antisemitismus anfällig sind. Das gelte für 50 Prozent der Wähler der Partei Fidesz und 30 Prozent der Wähler der sozialdemokratischen MSZP. Die oppositionelle, konservative Bürgerbewegung Fidesz des früheren Regierungschefs Viktor Orban kommt in den aktuellen Parteiumfragen auf etwa 40 Prozent, die sozialistische MSZP von Premier Ferenc Gyurcsany auf gut 20 Prozent.
Aber nicht nur die Parteien sind Einfallstore für rechtsextremes Gedankengut. Auch einflussreiche Medien wie der private Fernsehsender Echo TV und die Tageszeitung "Magyar Hirlap" verbreiten Xenophobie und Antisemitismus. Bei einer Tagung des Budapester Forschungsinstituts "Demos Hungary" über "Rechtsradikalismus und Medien" erklärte die Soziologin Judit Barta: "Im Vergleich mit der gesamten EU gibt es in Ungarn ein überdurchschnittlich einflussreiches Mediennetzwerk, das rechtsradikale Ideologie präsentiert."
Hass auf "die Roma"
Im Zentrum dieser Ideologie steht der Hass auf die Roma. 69 Prozent der von Pal Tamas und seinen Mitarbeitern Befragten nannten diese gerade auch in Ungarn sehr zahlreiche Minderheit "asozial" und "ungarnfeindlich". Virulent ist außerdem der Antisemitismus. Die von Tamas vertretene Einschätzung, dass jeder dritte Ungar judenfeindliche Meinungen vertrete, wird auch von den Wissenschaftlern anderer Budapester Forschungsinstitute wie Tarki geteilt. Beide Phobien korrespondieren mit einer allgemeinen Ablehnung gegenüber Ausländern und sonstigen "Fremden".
Fragt man nach den Hintergründen, dann verweisen Wissenschaftler insbesondere auf zwei Aspekte. Zum einen, so heißt es, seien bestimmte Denkmuster aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen bis heute wirksam. Daran hätten auch die Jahrzehnte realsozialistischer Herrschaft kaum etwas geändert. Zum anderen fühlten sich viele Ungarn durch die Auswirkungen der Globalisierung, des internationalen Kapitaltransfers und der EU-Mitgliedschaft ihres Landes in ihrer Existenz bedroht. "Sie fühlen sich als Opfer und machen dafür Schichten der Gesellschaft verantwortlich, die sie als nicht ungarisch empfinden", sagt die Budapester Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky.
Da viele Wähler, die für rechtsextremes Gedankengut anfällig sind, den großen Parteien treu bleiben, hatten die kleinen rechtsextremistischen Gruppen wie "Jobbik" und "Ungarische Garde" keine Chance, ins Parlament einzuziehen. Bei der letzten Parlamentswahl bekamen sie zusammen etwa zwei Prozent der Stimmen. Viele Wähler denken radikal, aber sie lehnen Randalieren ab. Und diese Gruppierungen zeichnen sich ja gerade durch gewalttätiges Auftreten in den Straßen ab. "Sie sind somit in erster Linie ein Problem der öffentlichen Sicherheit", sagt Gabor Györi von "Demos Hungary".
Drohungen gegen Richterin
Der Prozess wegen eines möglichen Verbots der "Ungarischen Garde" zieht sich allerdings seit Monaten hin. Die Richterin, die ursprünglich das Verfahren leitete, wurde ausgetauscht, nachdem sie massiv durch die rechtsextreme Szene bedroht worden war. Aber es gibt auch juristische Hindernisse. So hat das ungarische Verfassungsgericht die Anwendung des Paragrafen, der Hetze gegen die Gemeinschaft und gegen Minderheiten unter Strafe stellt, von weitreichenden Bedingungen abhängig gemacht. Dazu zählt die Festlegung, dass derlei Straftaten "vor einer großen Öffentlichkeit" ausgeführt werden müssen, was sich nicht immer für das Auftreten der rechtsextremistischen Gruppen nachweisen lässt.
Diejenigen Wähler, die rechts- oder gar rechtsextrem denken, sind ein Potenzial, auf das die großen Parteien nicht verzichten wollen. Das gilt besonders für die bürgerlich-konservative Oppositionspartei Fidesz, die zwar Auswüchse der rechtsextremistischen Szene kritisiert, sich aber nie systematisch von ihr abgegrenzt hat. Fidesz-Chef Orban machte wiederholt die verharmlosende Bemerkung: "Man sollte ihnen ein paar Ohrfeigen geben und sie nach Hause schicken." Auch einzelne Fidesz-Funktionäre sind nicht frei von antisemitischen Denkweisen.
Ungarns sozialistischer Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany hat immerhin im Sommer die "Ungarische Demokratische Charta" initiiert, die seither wiederholt öffentlich gegen die rechtsextreme Szene aufgetreten ist. Aber das allein ist noch kein wirksames Mittel gegen Phobien wie Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus, von denen auch so mancher seiner Parteigenossen nicht frei ist.
Insgesamt ist der Widerstand engagierter Bürger gegen das Auftreten rechtsextremer Propheten und deren Einfluss noch relativ schwach. "Betroffene Gruppen der Gesellschaft müssen also weiter mit ihrer Angst leben", sagt Gabor Györi von "Demos Hungary".
Dieser Artikel erschien am 7.Oktober 2008 im Handelsblatt. Wir bedanken uns für die freundliche Unterstützung.
http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/ungarns-rechtsextreme-auf-dem-vormarsch
Von Reinhold Vetter
In einer neuen, repräsentativen Studie weist der Budapester Soziologe Pal Tamas nach, dass rechtsradikale Ideologie nicht nur von rechtsextremistischen Randgruppen verbreitet wird, sondern in Teilen der ungarischen Gesellschaft tief verankert ist. "Wir finden solche Denkmuster in allen politischen Lagern", sagt Tamas. Damit seien sie ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung vorgedrungen.
Knapp 16 Prozent der von ihm und seinen Mitarbeitern Befragten meinten, dass ihre politischen Auffassungen extrem rechts seien. Weitere 29 Prozent definierten ihren Standpunkt als rechts von der Mitte. In der Studie wird auch nachgewiesen, dass gerade Teile der Wählerschaft der großen Parteien für Fremdenhass und Antisemitismus anfällig sind. Das gelte für 50 Prozent der Wähler der Partei Fidesz und 30 Prozent der Wähler der sozialdemokratischen MSZP. Die oppositionelle, konservative Bürgerbewegung Fidesz des früheren Regierungschefs Viktor Orban kommt in den aktuellen Parteiumfragen auf etwa 40 Prozent, die sozialistische MSZP von Premier Ferenc Gyurcsany auf gut 20 Prozent.
Aber nicht nur die Parteien sind Einfallstore für rechtsextremes Gedankengut. Auch einflussreiche Medien wie der private Fernsehsender Echo TV und die Tageszeitung "Magyar Hirlap" verbreiten Xenophobie und Antisemitismus. Bei einer Tagung des Budapester Forschungsinstituts "Demos Hungary" über "Rechtsradikalismus und Medien" erklärte die Soziologin Judit Barta: "Im Vergleich mit der gesamten EU gibt es in Ungarn ein überdurchschnittlich einflussreiches Mediennetzwerk, das rechtsradikale Ideologie präsentiert."
Hass auf "die Roma"
Im Zentrum dieser Ideologie steht der Hass auf die Roma. 69 Prozent der von Pal Tamas und seinen Mitarbeitern Befragten nannten diese gerade auch in Ungarn sehr zahlreiche Minderheit "asozial" und "ungarnfeindlich". Virulent ist außerdem der Antisemitismus. Die von Tamas vertretene Einschätzung, dass jeder dritte Ungar judenfeindliche Meinungen vertrete, wird auch von den Wissenschaftlern anderer Budapester Forschungsinstitute wie Tarki geteilt. Beide Phobien korrespondieren mit einer allgemeinen Ablehnung gegenüber Ausländern und sonstigen "Fremden".
Fragt man nach den Hintergründen, dann verweisen Wissenschaftler insbesondere auf zwei Aspekte. Zum einen, so heißt es, seien bestimmte Denkmuster aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen bis heute wirksam. Daran hätten auch die Jahrzehnte realsozialistischer Herrschaft kaum etwas geändert. Zum anderen fühlten sich viele Ungarn durch die Auswirkungen der Globalisierung, des internationalen Kapitaltransfers und der EU-Mitgliedschaft ihres Landes in ihrer Existenz bedroht. "Sie fühlen sich als Opfer und machen dafür Schichten der Gesellschaft verantwortlich, die sie als nicht ungarisch empfinden", sagt die Budapester Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky.
Da viele Wähler, die für rechtsextremes Gedankengut anfällig sind, den großen Parteien treu bleiben, hatten die kleinen rechtsextremistischen Gruppen wie "Jobbik" und "Ungarische Garde" keine Chance, ins Parlament einzuziehen. Bei der letzten Parlamentswahl bekamen sie zusammen etwa zwei Prozent der Stimmen. Viele Wähler denken radikal, aber sie lehnen Randalieren ab. Und diese Gruppierungen zeichnen sich ja gerade durch gewalttätiges Auftreten in den Straßen ab. "Sie sind somit in erster Linie ein Problem der öffentlichen Sicherheit", sagt Gabor Györi von "Demos Hungary".
Drohungen gegen Richterin
Der Prozess wegen eines möglichen Verbots der "Ungarischen Garde" zieht sich allerdings seit Monaten hin. Die Richterin, die ursprünglich das Verfahren leitete, wurde ausgetauscht, nachdem sie massiv durch die rechtsextreme Szene bedroht worden war. Aber es gibt auch juristische Hindernisse. So hat das ungarische Verfassungsgericht die Anwendung des Paragrafen, der Hetze gegen die Gemeinschaft und gegen Minderheiten unter Strafe stellt, von weitreichenden Bedingungen abhängig gemacht. Dazu zählt die Festlegung, dass derlei Straftaten "vor einer großen Öffentlichkeit" ausgeführt werden müssen, was sich nicht immer für das Auftreten der rechtsextremistischen Gruppen nachweisen lässt.
Diejenigen Wähler, die rechts- oder gar rechtsextrem denken, sind ein Potenzial, auf das die großen Parteien nicht verzichten wollen. Das gilt besonders für die bürgerlich-konservative Oppositionspartei Fidesz, die zwar Auswüchse der rechtsextremistischen Szene kritisiert, sich aber nie systematisch von ihr abgegrenzt hat. Fidesz-Chef Orban machte wiederholt die verharmlosende Bemerkung: "Man sollte ihnen ein paar Ohrfeigen geben und sie nach Hause schicken." Auch einzelne Fidesz-Funktionäre sind nicht frei von antisemitischen Denkweisen.
Ungarns sozialistischer Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany hat immerhin im Sommer die "Ungarische Demokratische Charta" initiiert, die seither wiederholt öffentlich gegen die rechtsextreme Szene aufgetreten ist. Aber das allein ist noch kein wirksames Mittel gegen Phobien wie Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus, von denen auch so mancher seiner Parteigenossen nicht frei ist.
Insgesamt ist der Widerstand engagierter Bürger gegen das Auftreten rechtsextremer Propheten und deren Einfluss noch relativ schwach. "Betroffene Gruppen der Gesellschaft müssen also weiter mit ihrer Angst leben", sagt Gabor Györi von "Demos Hungary".
Dieser Artikel erschien am 7.Oktober 2008 im Handelsblatt. Wir bedanken uns für die freundliche Unterstützung.
http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/ungarns-rechtsextreme-auf-dem-vormarsch
Rechtsextremismus in Ungarn: Zunehmend gewalttätig gegen Roma, Liberale und Juden
In Ungarn finden derzeit allwöchentlich "Demonstrationen" statt, die mit Lynchstimmung verbunden sind. Das "Blood & Honour"-Treffen Mitte Februar gehört dabei inzwischen zu den gemäßigteren Veranstaltungen.
Von Magdalena Marsovszky, Budapest
Während Mitte Februar in Dresden 6.000 Neonazis aufmarschierten, fand zeitgleich in Budapest das internationale "Blood & Honour"-Treffen statt, das entsprechend auch internationale Aufmerksamkeit erregt. Dabei ist dies bei weitem nicht die größte völkische und nazional-sozialistische "Demonstration" in Ungarn. Das Land und vor allem Budapest sind seit vielen Jahren Schauplatz von "Mobilisierungskampagnen" gegen "Juden" und "Zigeuner". Auch das Wochenende 13. und 14. Februar 2009 verging nicht ohne Angst und Lynchstimmung und viele meinen, dass Ungarn "nur noch Minuten" vom Ausbruch einer Gewaltwelle entfernt ist.
"Blood & Honour" auf dem Heldenplatz
International das meiste Aufsehen erregt immer wieder die seit 1997 von der "Blood & Honour Hungaria" organisierte Gedenkfeier zur Erinnerung an den 11. Februar 1945, genannt "Tag der Ehre", als mehrere zehntausend deutsche und ungarische Soldaten den Ausbruch aus der von der Roten Armee eingekesselten Burg von Budapest versuchten. Nur siebenhundert erreichten deutsch-ungarischen Frontlinien. Die Mehrzahl starb oder wurde gefangen genommen. Die Gedenkfeier fand dieses Jahr am 14. Februar statt und, wie in den Jahren zuvor, inmitten von Budapest, auf dem Heldenplatz.
Die Organisatoren dürften rechtlich gesehen gar nicht mehr existieren, denn sowohl die Bewegung "Blood & Honour Hungaria" als auch ihre Nachfolgeorganisation "Pax Hungarica" wurden vor einigen Jahren rechtskräftig aufgelöst. Der Antrag für die Veranstaltung wird deshalb seit Jahren "von einer Privatperson", nämlich von János Endre Domonkos, eingereicht, der an verschiedenen anderen national-sozialistischen Veranstaltungen in Ungarn als der Führer von "B&H Hungaria" oder als der von "Pax Hungarica" auftritt. Hinzukommt, dass die Polizei "das Hausrecht" im öffentlichen Raum am Heldenplatz "den Organisatoren" überließ, das heißt, dass nicht die staatliche Instanz, sondern jene "Organisatoren" bestimmten, welche Journalisten die Absperrzone zwischen den zwei Kordonen betreten durften, was ein Schlag ins Gesicht des demokratischen Rechtsstaates war.
Die Gegenkräfte sind schwach
Trotz eisiger Temperaturen versammelten sich knapp zweitausend ungarische, deutsche, italienische, slowenische, slowakische, tschechische, schwedische und englische Neonazis. Mit Widerstand mussten sie nicht rechnen, da die Antifaschisten in Ungarn sehr schwach sind. Dies ist einerseits der fortschreitenden Gewaltbereitschaft den "Antifas" gegenüber zuzuschreiben, andererseits der Tatsache, dass die "Antifaschisten" selbst vielfach verkürzt antikapitalistisch und antiglobalistisch, also mit Verschwörungstheorien argumentieren, ganz in der Art, die von der Wissenschaft als "Antisemitismus von links" bezeichnet wird. Traditioneller christlicher Antijudaismus, völkisches, autoritäres Denken, hegemoniale Strukturen, also ein Vielfaches an Demokratiedefizit potenzieren sich gegenseitig seit vielen Jahrzehnten in Ungarn und münden in der Militarisierung der Gesellschaft.
Zweitausend Neonazis hatten freies Spiel
Auch zu der Gedenkfeier "Day of Honour" erschienen zwar zwei Dutzend Antifaschisten, doch diese verstummten bald, und der Platz wurde gänzlich den Nazis überlassen. Sie und weitere 200 Sympathisanten, die außerhalb der Absperrzone standen, hörten den Reden zu, klatschten und sangen die ungarische und alle Strophen der deutschen Hymne mit. Neben internationalen Gästen, wie Stephen Swinfen ("B&H England") und Ralf Tegethoff aus Deutschland, die sich eher kurz hielten, sprachen der erste und zweite Mann von "B&H Hungaria", der bereits erwähnte János Endre Domonkos und Zoltán Illés länger.
Haupthetze: Antisemitismus und Antiziganismus
Den "Antifas" dürfte nicht bewusst sein, wie sehr ihre Argumente denen von Illés ähneln, wenn er die Schuld für die Misere in Europa und in Ungarn einer "internationalen Geldmacht" in die Schuhe schiebt, wie er das am "Tag der Ehre" tat. "Unsere Völker werden mit bewusst niederträchtigen Methoden zum Aussterben gebracht", fügte er hinzu. Dagegen helfe nur die internationale Vernetzung des national-sozialistischen Widerstandes, meinte János Endre Domonkos, deren Grundlage die Verbundenheit der beiden größten Nationen Europas, die "Deutsch-Ungarische Freundschaft" sei. "Dieser Bund wurde nicht auf dem Papier besiegelt" - sagte er, sondern "mit dem Blut deutscher und ungarischer Soldaten". Eine echte Blutsbruderschaft sei das, die unabhängig von Politikern und politischen Systemen in den Seelen beider Völker weiter lebe. "Möge aus dem Blut der gefallenen Helden ein neuer Trieb entstehen: das Europa der freien Nationen!" - rief er der Menge zu.
Treffen rechter ungarischer Gruppierungen
Von ungarischer Seite waren diesmal auch eine Gruppe der von der rechtsradikalen Jobbik (Partei für ein besseres, rechteres, richtigeres Ungarn) gegründeten paramilitärischen "Ungarischen Garde", die völkische "Jugendbewegung Vierungsechzig Komitate" (HVIM) mit László Toroczkai und die ebenfalls völkische "Bewegung Magyarische Selbstverteidigung" (MÖM) mit Géza Kovács vertreten, die regelmäßig gegen die "Herrschaft der Juden" und gegen die "Zigeunerkriminalität" demonstrieren und marschieren und oft viel mehr als zweitausend Sympathisanten zusammentrommeln können.
Tausende Demonstrationsteilnehmer für Hetze gegen Juden, Roma oder Homosexuelle sind keine Seltenheit
In der Relation zu anderen national-sozialistischen Veranstaltungen in Ungarn muss deshalb leider festgestellt werden, dass die Gedenkfeier zum "Tag der Ehre" inzwischen eher zu den kleineren und gemäßigteren gehört. Versammlungen mit zwei- bis dreitausend Teilnehmern, an denen offene antisemitische, antiziganistische und homophobe Hetze stattfindet, sind keine Seltenheit, wobei Ungarn um die 10 Millionen Einwohner hat. Am völkischen "Kulturfestival" mit der Bezeichnung "Magyarische Insel", das jeden August von der erwähnten "Jugendbewegung Vierungsechzig Komitate" (HVIM) veranstaltet wird, kommen sogar regelmäßig über zehntausend Menschen zusammen.
Die bürgerlichen Parteien heizen die Stimmung an, statt entgegen zu steuern
Gespeist wird diese Denkweise von den großen völkischen Parteien, der Fidesz-Bürgerlichen Union (Fidesz-MPSZ), der Christlich Demokratischen Volkspartei (KDNP) und von den völkischen Medien in ihrem Umkreis, deren Politik und Kommunikation vor allem daraus besteht, die Dichotomie zwischen "WIR" und "SIE" permanent lebendig zu halten.
Gerade am Freitag, dem 13. Februar, fand vor dem Parlament eine "Demonstration für die Pressefreiheit" statt, die von der Fidesz- und KDNP-nahen Tageszeitung "Magyar Hírlap" (Ungarisches Nachrichtenblatt) einberufen wurde. Für Sicherheit sorgte auch diesmal nicht die Polizei, sondern "unsere Garde für Ordnung", wie die deklariert arische Motorraddivision "Goj-Motorradfahrer" vom Chefredakteur bezeichnet wurde.
Ungarn vor einer "völkischen Wende"?
Hauptredner war der Eigentümer des Blattes, der Medienmagnat, Forintmilliardär und ehrenamtlicher Präsident der Ungarischen Arbeitgeber- und Industriellenvereinigung (MGYOSZ), Gábor Széles, der in einer künftigen, von Fidesz geleiteten Regierung als Wirtschaftsminister gehandelt wird. Der völkische Druck auf die Minderheitenregierung der Sozialisten ist so groß, dass man im Grunde jeden Moment mit einer "völkischen Wende" rechnen muss. Széles, dem auch das EchoTV gehört, steckte bereits über dreieinhalb Milliarden in sein Medienprojekt und ist zu weiteren Investitionen bereit, um diesen Prozess voranzutreiben.
Unter den Scharfmachern: Viele Medienmenschen
Ein weiterer Redner der "Demostration für die Pressefreiheit" war der "patriotische" Starjournalist Sándor Pörzse, Gründungsmitglied der Ungarischen Garde, der im EchoTV eine Sendung produziert, die regelmäßig mit folgendem, eingeblendetem Zitat endet: "Wie sehr auch in unseren heiligen Saaten fremde Rassen /.../ wühlen, /.../ mich durchdringt ein Gefühl: Ich bin ein Magyare, bete meine Rasse an und werde mich nicht ändern, eher sterbe ich!"
Ein anderer bekannter Starjournalist von Magyar Hirlap, Zsolt Bayer, guter Freund des Oppositionsführers Viktor Orbán, Gründungsmitglied der Fidesz-Bürgerlicher Union (heute ohne Parteibuch), redete zum Schluss. Er produziert eine Sendereihe im EchoTV mit dem Titel "Mélymagyar", was ein Ausdruck aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ist und so viel heißt wie "Wurzelecht" oder "Rassenrein". An der "Demonstration" währte er sich gegen den Vorwurf des Antiziganismus und forderte, dass man die Dinge beim Namen nennen und das Wort "Zigeunerkriminalität" aussprechen könne. Er war es übrigens, der mit einem seiner Artikel die neuerliche Welle der Aggression auslöste. Nach einem von einem Roma verübten Mord an einem bekannten Sportler schrieb er in seinem Artikel, die Täter seien "keine Menschen, sondern mörderische Tiere, die uns ins Verderben stürzen wollen".
Sogar der Ministerpräsident warnt vor der Zeitung "Magyar Hírlap"
Als Reaktion darauf und auf die permanente Hetze seitens des Blattes forderte der sozialistische Ministerpräsident Gyurcsány, übrigens als erster Staatsmann der Nachwendezeit mit einer klaren Haltung gegen den Rassismus, alle staatlichen Unternehmen und Institutionen auf, ihre Abonnements von "Magyar Hírlap" zu kündigen und im Blatt keine Anzeigen mehr zu schalten. Dies sei "verfassungsfeindliche Verletzung der Pressefreiheit und der freien Meinungsäußerung", bezeichnete der Chefredakteur des Blattes Gyurcsánys Schritte, und meinte, man müsse sich gegen sie währen. Da auch der Oppositionsführer Viktor Orbán, Vorsitzender der Partei mit der größten Wählerpotanzial, voll hinter dem Blatt steht und vor "Roma-Straftätern" warnt, fühlten sich alle Redner bestätigt.
Gewalttaten gegen Roma und liberale Politiker nehmen zu
Der Bürgerrechtler, der im Juli letzten Jahres vor Morde warnte, sollte inzwischen Recht behalten. Häuser von Roma und von sozialliberalen Politikern werden immer wieder mit Molotowcocktails beworfen, wobei in den letzten drei Monaten vier Roma erschossen wurden, als sie gerade aus ihren brennenden Häusern flohen.
Hinter der "Zigeunerkriminalität" stünden die Sozialisten, die Liberalen und die ungarische liberale Intelligenz, sagte Bayer, deren Absicht es sei, Magyaren und Zigeuner gegeneinaner auszuspielen. Wenn man den Diskurs in Ungarn kennt, weiß man, dass hier - nach der Antisemitismustheorie - die Sozialisten, die Liberalen und die liberale Intelligenz im Bild des "kollektiven Juden" erscheinen, der als idealer Feind im Hintergrund die Fäden zieht und den es auszuschalten gilt.
Antisemitische Verschwörungstheorien als Grundlage
Dies kann durch ein Gespräch bestätigt werden, dass im EchoTV vor zwei Monaten zu sehen war. Auf die Frage des erwähnten Journalisten Pörzse, ob die "Hetze gegen die Zigeuner" von der gegenwärtigen sozialistischen Regierung ausgehe, sagte ein ehemaliger Polizeipsychologe: "Ja, die Hetze läuft gegen das Magyarentum. Die wollen einen Bürgerkrieg zwischen den Zigeunern und den Magyaren provozieren, damit sich die Mossad-Leute ins Fäustchen lachen können. Man muss wissen, dass Gyurcsány im Oktober 2006 die Instruktionen, wie er mit der Attake umgehen soll, direkt von Tel Aviv bekommen hat."
Und wie konkret nach alledem auch dieses Feindbild bestimmt werden kann, gegen das sich die Agression richtet, sprach die Kandidatin der rechtsradikalen Partei Jobbik für die EU-Wahlen, Dr. Krisztina Morvai, aus. Während sie sich an der "Demostration für die Pressefreiheit" eher zurückhielt, drohte sie an einer anderen Großdemonstration vor mehreren Tausend Menschen im September 2008: "Hat denn diese Rasse - habt Ihr keine Angst? Mein letzter Rat an die liberal-bolschewiken Zionisten, die unser Land ausraubten ist, sich damit zu beschäftigen, wohin sie fliehen und wo sie sich verstecken! Denn, es gibt keine Gnade!"
27.02.2009
(http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/rechtsextremismus-ungarn-gewalttaetig)
Von Magdalena Marsovszky, Budapest
Während Mitte Februar in Dresden 6.000 Neonazis aufmarschierten, fand zeitgleich in Budapest das internationale "Blood & Honour"-Treffen statt, das entsprechend auch internationale Aufmerksamkeit erregt. Dabei ist dies bei weitem nicht die größte völkische und nazional-sozialistische "Demonstration" in Ungarn. Das Land und vor allem Budapest sind seit vielen Jahren Schauplatz von "Mobilisierungskampagnen" gegen "Juden" und "Zigeuner". Auch das Wochenende 13. und 14. Februar 2009 verging nicht ohne Angst und Lynchstimmung und viele meinen, dass Ungarn "nur noch Minuten" vom Ausbruch einer Gewaltwelle entfernt ist.
"Blood & Honour" auf dem Heldenplatz
International das meiste Aufsehen erregt immer wieder die seit 1997 von der "Blood & Honour Hungaria" organisierte Gedenkfeier zur Erinnerung an den 11. Februar 1945, genannt "Tag der Ehre", als mehrere zehntausend deutsche und ungarische Soldaten den Ausbruch aus der von der Roten Armee eingekesselten Burg von Budapest versuchten. Nur siebenhundert erreichten deutsch-ungarischen Frontlinien. Die Mehrzahl starb oder wurde gefangen genommen. Die Gedenkfeier fand dieses Jahr am 14. Februar statt und, wie in den Jahren zuvor, inmitten von Budapest, auf dem Heldenplatz.
Die Organisatoren dürften rechtlich gesehen gar nicht mehr existieren, denn sowohl die Bewegung "Blood & Honour Hungaria" als auch ihre Nachfolgeorganisation "Pax Hungarica" wurden vor einigen Jahren rechtskräftig aufgelöst. Der Antrag für die Veranstaltung wird deshalb seit Jahren "von einer Privatperson", nämlich von János Endre Domonkos, eingereicht, der an verschiedenen anderen national-sozialistischen Veranstaltungen in Ungarn als der Führer von "B&H Hungaria" oder als der von "Pax Hungarica" auftritt. Hinzukommt, dass die Polizei "das Hausrecht" im öffentlichen Raum am Heldenplatz "den Organisatoren" überließ, das heißt, dass nicht die staatliche Instanz, sondern jene "Organisatoren" bestimmten, welche Journalisten die Absperrzone zwischen den zwei Kordonen betreten durften, was ein Schlag ins Gesicht des demokratischen Rechtsstaates war.
Die Gegenkräfte sind schwach
Trotz eisiger Temperaturen versammelten sich knapp zweitausend ungarische, deutsche, italienische, slowenische, slowakische, tschechische, schwedische und englische Neonazis. Mit Widerstand mussten sie nicht rechnen, da die Antifaschisten in Ungarn sehr schwach sind. Dies ist einerseits der fortschreitenden Gewaltbereitschaft den "Antifas" gegenüber zuzuschreiben, andererseits der Tatsache, dass die "Antifaschisten" selbst vielfach verkürzt antikapitalistisch und antiglobalistisch, also mit Verschwörungstheorien argumentieren, ganz in der Art, die von der Wissenschaft als "Antisemitismus von links" bezeichnet wird. Traditioneller christlicher Antijudaismus, völkisches, autoritäres Denken, hegemoniale Strukturen, also ein Vielfaches an Demokratiedefizit potenzieren sich gegenseitig seit vielen Jahrzehnten in Ungarn und münden in der Militarisierung der Gesellschaft.
Zweitausend Neonazis hatten freies Spiel
Auch zu der Gedenkfeier "Day of Honour" erschienen zwar zwei Dutzend Antifaschisten, doch diese verstummten bald, und der Platz wurde gänzlich den Nazis überlassen. Sie und weitere 200 Sympathisanten, die außerhalb der Absperrzone standen, hörten den Reden zu, klatschten und sangen die ungarische und alle Strophen der deutschen Hymne mit. Neben internationalen Gästen, wie Stephen Swinfen ("B&H England") und Ralf Tegethoff aus Deutschland, die sich eher kurz hielten, sprachen der erste und zweite Mann von "B&H Hungaria", der bereits erwähnte János Endre Domonkos und Zoltán Illés länger.
Haupthetze: Antisemitismus und Antiziganismus
Den "Antifas" dürfte nicht bewusst sein, wie sehr ihre Argumente denen von Illés ähneln, wenn er die Schuld für die Misere in Europa und in Ungarn einer "internationalen Geldmacht" in die Schuhe schiebt, wie er das am "Tag der Ehre" tat. "Unsere Völker werden mit bewusst niederträchtigen Methoden zum Aussterben gebracht", fügte er hinzu. Dagegen helfe nur die internationale Vernetzung des national-sozialistischen Widerstandes, meinte János Endre Domonkos, deren Grundlage die Verbundenheit der beiden größten Nationen Europas, die "Deutsch-Ungarische Freundschaft" sei. "Dieser Bund wurde nicht auf dem Papier besiegelt" - sagte er, sondern "mit dem Blut deutscher und ungarischer Soldaten". Eine echte Blutsbruderschaft sei das, die unabhängig von Politikern und politischen Systemen in den Seelen beider Völker weiter lebe. "Möge aus dem Blut der gefallenen Helden ein neuer Trieb entstehen: das Europa der freien Nationen!" - rief er der Menge zu.
Treffen rechter ungarischer Gruppierungen
Von ungarischer Seite waren diesmal auch eine Gruppe der von der rechtsradikalen Jobbik (Partei für ein besseres, rechteres, richtigeres Ungarn) gegründeten paramilitärischen "Ungarischen Garde", die völkische "Jugendbewegung Vierungsechzig Komitate" (HVIM) mit László Toroczkai und die ebenfalls völkische "Bewegung Magyarische Selbstverteidigung" (MÖM) mit Géza Kovács vertreten, die regelmäßig gegen die "Herrschaft der Juden" und gegen die "Zigeunerkriminalität" demonstrieren und marschieren und oft viel mehr als zweitausend Sympathisanten zusammentrommeln können.
Tausende Demonstrationsteilnehmer für Hetze gegen Juden, Roma oder Homosexuelle sind keine Seltenheit
In der Relation zu anderen national-sozialistischen Veranstaltungen in Ungarn muss deshalb leider festgestellt werden, dass die Gedenkfeier zum "Tag der Ehre" inzwischen eher zu den kleineren und gemäßigteren gehört. Versammlungen mit zwei- bis dreitausend Teilnehmern, an denen offene antisemitische, antiziganistische und homophobe Hetze stattfindet, sind keine Seltenheit, wobei Ungarn um die 10 Millionen Einwohner hat. Am völkischen "Kulturfestival" mit der Bezeichnung "Magyarische Insel", das jeden August von der erwähnten "Jugendbewegung Vierungsechzig Komitate" (HVIM) veranstaltet wird, kommen sogar regelmäßig über zehntausend Menschen zusammen.
Die bürgerlichen Parteien heizen die Stimmung an, statt entgegen zu steuern
Gespeist wird diese Denkweise von den großen völkischen Parteien, der Fidesz-Bürgerlichen Union (Fidesz-MPSZ), der Christlich Demokratischen Volkspartei (KDNP) und von den völkischen Medien in ihrem Umkreis, deren Politik und Kommunikation vor allem daraus besteht, die Dichotomie zwischen "WIR" und "SIE" permanent lebendig zu halten.
Gerade am Freitag, dem 13. Februar, fand vor dem Parlament eine "Demonstration für die Pressefreiheit" statt, die von der Fidesz- und KDNP-nahen Tageszeitung "Magyar Hírlap" (Ungarisches Nachrichtenblatt) einberufen wurde. Für Sicherheit sorgte auch diesmal nicht die Polizei, sondern "unsere Garde für Ordnung", wie die deklariert arische Motorraddivision "Goj-Motorradfahrer" vom Chefredakteur bezeichnet wurde.
Ungarn vor einer "völkischen Wende"?
Hauptredner war der Eigentümer des Blattes, der Medienmagnat, Forintmilliardär und ehrenamtlicher Präsident der Ungarischen Arbeitgeber- und Industriellenvereinigung (MGYOSZ), Gábor Széles, der in einer künftigen, von Fidesz geleiteten Regierung als Wirtschaftsminister gehandelt wird. Der völkische Druck auf die Minderheitenregierung der Sozialisten ist so groß, dass man im Grunde jeden Moment mit einer "völkischen Wende" rechnen muss. Széles, dem auch das EchoTV gehört, steckte bereits über dreieinhalb Milliarden in sein Medienprojekt und ist zu weiteren Investitionen bereit, um diesen Prozess voranzutreiben.
Unter den Scharfmachern: Viele Medienmenschen
Ein weiterer Redner der "Demostration für die Pressefreiheit" war der "patriotische" Starjournalist Sándor Pörzse, Gründungsmitglied der Ungarischen Garde, der im EchoTV eine Sendung produziert, die regelmäßig mit folgendem, eingeblendetem Zitat endet: "Wie sehr auch in unseren heiligen Saaten fremde Rassen /.../ wühlen, /.../ mich durchdringt ein Gefühl: Ich bin ein Magyare, bete meine Rasse an und werde mich nicht ändern, eher sterbe ich!"
Ein anderer bekannter Starjournalist von Magyar Hirlap, Zsolt Bayer, guter Freund des Oppositionsführers Viktor Orbán, Gründungsmitglied der Fidesz-Bürgerlicher Union (heute ohne Parteibuch), redete zum Schluss. Er produziert eine Sendereihe im EchoTV mit dem Titel "Mélymagyar", was ein Ausdruck aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ist und so viel heißt wie "Wurzelecht" oder "Rassenrein". An der "Demonstration" währte er sich gegen den Vorwurf des Antiziganismus und forderte, dass man die Dinge beim Namen nennen und das Wort "Zigeunerkriminalität" aussprechen könne. Er war es übrigens, der mit einem seiner Artikel die neuerliche Welle der Aggression auslöste. Nach einem von einem Roma verübten Mord an einem bekannten Sportler schrieb er in seinem Artikel, die Täter seien "keine Menschen, sondern mörderische Tiere, die uns ins Verderben stürzen wollen".
Sogar der Ministerpräsident warnt vor der Zeitung "Magyar Hírlap"
Als Reaktion darauf und auf die permanente Hetze seitens des Blattes forderte der sozialistische Ministerpräsident Gyurcsány, übrigens als erster Staatsmann der Nachwendezeit mit einer klaren Haltung gegen den Rassismus, alle staatlichen Unternehmen und Institutionen auf, ihre Abonnements von "Magyar Hírlap" zu kündigen und im Blatt keine Anzeigen mehr zu schalten. Dies sei "verfassungsfeindliche Verletzung der Pressefreiheit und der freien Meinungsäußerung", bezeichnete der Chefredakteur des Blattes Gyurcsánys Schritte, und meinte, man müsse sich gegen sie währen. Da auch der Oppositionsführer Viktor Orbán, Vorsitzender der Partei mit der größten Wählerpotanzial, voll hinter dem Blatt steht und vor "Roma-Straftätern" warnt, fühlten sich alle Redner bestätigt.
Gewalttaten gegen Roma und liberale Politiker nehmen zu
Der Bürgerrechtler, der im Juli letzten Jahres vor Morde warnte, sollte inzwischen Recht behalten. Häuser von Roma und von sozialliberalen Politikern werden immer wieder mit Molotowcocktails beworfen, wobei in den letzten drei Monaten vier Roma erschossen wurden, als sie gerade aus ihren brennenden Häusern flohen.
Hinter der "Zigeunerkriminalität" stünden die Sozialisten, die Liberalen und die ungarische liberale Intelligenz, sagte Bayer, deren Absicht es sei, Magyaren und Zigeuner gegeneinaner auszuspielen. Wenn man den Diskurs in Ungarn kennt, weiß man, dass hier - nach der Antisemitismustheorie - die Sozialisten, die Liberalen und die liberale Intelligenz im Bild des "kollektiven Juden" erscheinen, der als idealer Feind im Hintergrund die Fäden zieht und den es auszuschalten gilt.
Antisemitische Verschwörungstheorien als Grundlage
Dies kann durch ein Gespräch bestätigt werden, dass im EchoTV vor zwei Monaten zu sehen war. Auf die Frage des erwähnten Journalisten Pörzse, ob die "Hetze gegen die Zigeuner" von der gegenwärtigen sozialistischen Regierung ausgehe, sagte ein ehemaliger Polizeipsychologe: "Ja, die Hetze läuft gegen das Magyarentum. Die wollen einen Bürgerkrieg zwischen den Zigeunern und den Magyaren provozieren, damit sich die Mossad-Leute ins Fäustchen lachen können. Man muss wissen, dass Gyurcsány im Oktober 2006 die Instruktionen, wie er mit der Attake umgehen soll, direkt von Tel Aviv bekommen hat."
Und wie konkret nach alledem auch dieses Feindbild bestimmt werden kann, gegen das sich die Agression richtet, sprach die Kandidatin der rechtsradikalen Partei Jobbik für die EU-Wahlen, Dr. Krisztina Morvai, aus. Während sie sich an der "Demostration für die Pressefreiheit" eher zurückhielt, drohte sie an einer anderen Großdemonstration vor mehreren Tausend Menschen im September 2008: "Hat denn diese Rasse - habt Ihr keine Angst? Mein letzter Rat an die liberal-bolschewiken Zionisten, die unser Land ausraubten ist, sich damit zu beschäftigen, wohin sie fliehen und wo sie sich verstecken! Denn, es gibt keine Gnade!"
27.02.2009
(http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/rechtsextremismus-ungarn-gewalttaetig)
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