Samstag, 29. August 2009

Madonna ausgepfiffen


Madonna gehört schon lange nicht mehr zu den von mir "bewunderten Stars". Dazu gehört eigentlich niemand. Dennoch war ich sehr verwundert als ich las, dass sie auf ihrem Konzert in Bukarest politisch wurde: Sie meinte, in Rumänien würden die Zigeuner diskriminiert, und das mache sie sehr traurig. Daraufhin wurde sie von den Zuschauern ausgepfiffen.
Die rumänische Presse reagierte auf ihre Aussage folgendermaßen: Madonna hat ja vom Brunzen und vom Scheißen keine Ahnung. Und was erfrecht sie sich, hier zu inneren Angelegenheiten eine Meinung abzugeben, sie kennt sich ja nicht aus. Kommt mir irgendwie bekannt vor. Um so abgekanzelt zu werden, kann man auch hier in Ungarn bleiben, da muss man nicht nach Rumänien. Bei Madonnas Budapestkonzert hat es keinen solchen Sager gegeben. Wie schade.
Denn nicht nur die Rumänen sind auf dem Niveau eines primitiven Volkes stehengeblieben, wie die rumänische Parlamentsabgeordnete Madalin Voicu, selbst Zigeunerin, meinte.

Sonntag, 16. August 2009

Anmerkungen zu Allen Carrs "Endlich Nichtraucher"


Lange Zeit habe ich geraucht, fünfzehn Jahre waren es - ich weiß auch noch genau, wann ich mir das erste Päckchen gekauft habe - am 30. April 1994 und zwar aus Trotz. Damals hatte mich meine liebe wegen eines Amtmannes mit fixem Verdienst und Wohnung stehen gelassen; und ich - im fabrizieren von Selbstmordphantasien noch herrlich ungeübt - hab mir eine Schachtel Zigaretten gekauft, Casablanca waren es, weil ich mir das Rauchen angewöhnen wollte - mit nur teilweise bewußter selbstmörderischer Absicht. Und es ist mir auch gelungen. Als mir die Filterzigaretten zu teuer wurden, weil der Verbrauch zu hoch, hab ich gedreht, in Ungarn aber nur mehr Filterzigaretten geraucht, weil hier ja für unsere Verhältnisse billiger - für mein hiesiges Einkommen eigentlich nicht. Ich habe immer viel geraucht, von Anfang an - und habe auch nie wirklich übers Aufhören nachgedacht, hat mich nicht interessiert und das Rauchen hat mir bis zum Schluß auch keine körperlichen Schwierigkeiten bereitet. Überhaupt nichts - ein bißchen schwerer Luft bekommen, aber das ist ja ganz normal. Während meines Freistadtaufenthalts sind mir nun mal wieder die Zigaretten ausgegangen - 4 Stangen waren für 3,5 Wochen nicht genug; und weil ich es schon vor 5 Jahren einmal auf die gleiche Weise versucht habe - durch Ende des Zigarettenvorrats, hab ich mir gedacht, ich versuche es wieder, denn das Ende des Vorrats zeichnete sich schon ab. Mein kleines Schwesterchen warf mit dann, als ich ihr meine Absichten erwähnte, beiläufig erwähntes Buch vor der Nase auf den Tisch. Ich hatte mich immer geweigert, das Buch zu lesen, vielleicht weil meine Cousine seinerzeit so von ihm geschwärmt hatte und mich vom Nichtrauchen überzeugen wollte (wie ich erfahren habe, hatte es auch alle meine rauchenden Geschwister gelesen - und danach auch für kürzere oder längere Zeit mit dem Rauchen aufgehört). Also jetzt schaute ich also doch ins Buch - Sommer war es, und ich hatte eh schon 2,5 anspruchsvolle Bücher in drei Tagen gelesen.
Carr argumentiert gut und einleuchtend, und was ihn sympathisch macht, ist, daß er nicht wie die meisten Exraucher allen anderen mit feurigem Schwert diese Sucht austreiben will. Ja, wenn man akzeptiert, daß Rauchen eine Sucht ist - das ist uns Rauchern eigentlich nie bewußt - hat man gleich einen ganz anderen Ausgangspunkt zum Abgewöhnen.
Wenn man akzeptiert, daß man süchtig ist und nicht nur einer blöden Angewohnheit frönt. Carr weiß auch, was wir nicht zugeben wollen: Daß von den vielen Zigaretten uns eigentlich nur ab und zu eine schmeckt. Unsere Nikotinabhängigkeit aber immer nach mehr verlangt.
Carrs Argumentation ist vollkommen nachvollziehbar, wenn man ein geregeltes Leben führt, sowas wie glücklich ist, Geld verdient und nur mehr das Nichtrauchen zum absoluten Glück fehlt. Bei Menschen, die weit davon entfernt sind, oder solchen, die vielleicht sogar mit dem Hang zur Selbstzerstörung rauchen - greifen dann die Argumente schon eher weniger, was vielleicht mit ein Grund ist, daß das Buch in Ungarn einmal verlegt worden ist (1988) und seitdem nie wieder erschien.
Heute ist Tag 9 meiner Entwöhnung und die körperliche Nikotinabhängigkeit ist, denk ich, überwunden. Was nicht überwunden ist, ist die Assoziation von bestimmten Situationen mit dem Rauchen einer Zigarette. Derweil ich in Freistadt war, war es sehr einfach - und bevor ich zurückgekommen bin in die Republik Schilda, hab ich mir gedacht, ich hab's im großen und ganzen geschafft. Schön getäuscht hab ich mich: In Freistadt gibt es einfach weniger Situationen, die ich mit einer Zigarette verbinde, weil ich wenig in Freistadt bin. Gerade mal nach dem Essen und auf dem Spielplatz kam mir der Gusto auf einen Tschick. Hier, in Budapest, ist einfach alles mit dem Rauchen von Zigaretten verbunden. Jede Minute und jede Sekunde, weshalb ich zurzeit mehr zu kämpfen habe, als an den ersten Tagen, die ja dem Volksmund nach beim Abgewöhnen immer am schwierigsten sind. Darauf geht Carr nicht sonderlich ein - daß es bestimmte Alltagshandlungen sind, die fix mit einer Zigarette verbunden sind und diese Alltagshandlungen es so schwierig machen, mit dem Rauchen aufzuhören. Die körperliche/chemische Abhängigkeit ist schnell überwunden, und nicht sonderlich schwierig. Die blöde Angewohnheit ist da schon was Anderes. Und die Angewohntheit kann einen umbringen und rückfällig machen. Andere Raucherentwöhnungsliteratur, derer es ja viele gibt, empfiehlt die Alltagssituationen anders zu gestalten - mit einem einfachen Beispiel: zB. Tee am Morgen zu trinken, statt dem Kaffee, wenn dieser immer mit Zigarette verbunden war. Das mag schon funktionieren, nur wenn ich mir dann dann sicher bin, in zwei, drei Monaten, und mir in der früh wieder Kaffee koche, beginnt das ganze wieder von vorn - und obwohl man drei Monate nichts geraucht hat und glaubt, man hat es überstanden, kommt zum Morgenkaffee wieder der unzügelbare Gusto, sich eine anzuzünden.
Aber wir nichtrauchenden Raucher dürfen uns nie wieder eine anzünden, ja nicht einmal einen Zug machen, sonst rauchen wir 3 Wochen später wieder unsere 2 Päckchen (ja übrigens in der Medizin gibt es die Maßeinheit "packs per year" - eine Packung pro Tag, ein Jahr lang; ich war so bei 20 packs per year, ab 40 treten normalerweise grobe gesundheitliche Schwierigkeiten auf). Das mit den 2 Päckchen stimmt, ich weiß es aus eigener Erfahrung.
Ich gebe Carr also einerseits recht - was seine Argumente angeht. Jeder, der raucht, ist ein Trottel. Mit dem sich ständig Vorsagen von "Endlich bin ich von dem Laster befreit", können nur heillose Optimisten was anfangen. Und so leicht ist es nicht, wie er meint. Aufhören uns bums. Wenn der Alltag nicht wäre, dann vielleicht. Aber ich denke, auch wenn ich jetzt für eine Jahr auf Weltreise gehe und nach diesem Jahr mir zuhause meinen Kaffee braue und an meinen gewohnten Platz setze, werde ich, obwohl ich schon lange vergessen habe, daß ich einmal rauchte, wieder genau den Gusto verspüren, wie in der aktiven Zeit. Und die ganze Qual mit der Entwöhnung beginnt von vorn.

Montag, 13. Juli 2009

Faschistische Motorradfahrer gewinnen Prozeß

In Ungarn gibt es einige Zeit schon eine Vereinigung, die nach den Hell’s Angels angelegt ist, die Goj-Motorosok. Was sie verbindet, ist das Nicht-Jüdisch-Sein, wie es die Bezeichnung „Goj“ (jiddisch für Nichtjude), ja besagt. Diese lieben Leute treiben schon einige Zeit ihr Unwesen, kooperieren mit der Ungarischen Garde und sind immer dort zu finden, wo gerade gegen die „Zigeunerkriminalität“ demonstriert und gegen Zigeuner gehetzt wird.
Dann gibt es Tibor Bakács, einen medialen Wichtigtuer mit großer Klappe (er ist dem Budapester Underground (Tilos-Rádió usf.) entwachsen). Er hat in einer Radiosendung eine rethorische Frage an die Motorosok gestellt: „Na, was ist, Goj Motorosok, was ist, ihr Faschisten, kennt ihr die Geschichte nicht?“
Daraufhin wurde er von den Motoradfahrern wegen Verleumdung angezeigt. Das Gericht verurteilte Bakáts mit der Begründung, daß der Fragesatz den Zuhörern suggerierte, daß die Goj Motorosok Faschisten seien. Die Motorosok fordern drei Millionen Forint Entschädigung. Bakáts hat gegen das Urteil Berufung eingelegt.

Quelle: http://www.klubradio.hu/cikk.php?id=16&cid=91438

Sonntag, 12. Juli 2009

Zigeuner, das Wort heißt zuerst "Mensch"

Beim Zigeunerpfarrer von Alsószentmárton

"Ich bin Zigeuner unter Priestern und Priester unter Zigeunern", mit diesen Worten umschreibt Pfarrer József Lankó seine Situation. Seit acht Jahren lebt er in der kleinen ungarischen Gemeinde Alsószentmárton als Seelsorger mitten unter den Zigeunern. Alsószentmárton - kurz vor der Grenze zum heutigen Kroatien gelegen - ist ein Ort, der den dort beheimateten Menschen keine wirtschaftliche Zukunftsperspektive geben kann. Heute liegt die örtliche Arbeitslosenquote bei etwa 90 Prozent. Diese, in den vergangenen Jahren rapid gestiegene Chancenlosigkeit ließ schon vor Jahren den einstigen Bewohnern - Kroaten, Donauschwaben, Ungarn - nur eine Alternative, den Wegzug in die Städte Siklos oder Pecs. Nur die Zigeuner blieben, Alsószentmárton ist heute ihr Dorf. Pfarrer József Lankó erklärt, daß sie im Durchschnitt zehn Jahre im Ort leben, bevor sie weiterziehen

Draußen vor dem Alsószentmártoner Pfarrhaus herrscht bis in den Abend hinein Leben. Zumeist sind es Kinder, die sich um das Pfarrhaus herum treffen. Kommen Besucher, so sind sie eine willkommene Abwechslung, sie werden neugierig umringt und abgeschätzt. In einem Sandkasten an der Kirche spielen zwei Kinder. Ihre Eltern gehören zu einer Gruppe anonymer Alkoholiker, die sich im Gruppenraum der Gemeinde treffen. Es wird gesungen, gemeinsam über Probleme des Alltags und über die Bewältigung der Alkohol-Krankheit gesprochen... Soziale Ausgrenzung und Alkoholismus gehen auch in Ungarn oft Hand in Hand

Immer wieder ist zu hören, daß die Zigeuner die ärmste Bevölkerungsgruppe im heutigen Ungarn sind. Eine Einschätzung, die auch der zuständige Diözesan-Caritasdirektor von Pecs, János Szalay, teilt. Die Zigeuner hatten am meisten unter den gesellschaftlichen Umbrüchen der vergangenen Jahre zu leiden, erklärt Janós Szalay. Was nicht heißt, daß es den Ungarn heute gut geht. Gerade im südungarischen Raum gibt es große Armut. Besonders ältere Menschen leben mit ihrer kargen Rente oft am Rand des Existenzminimums. Laut persönlicher Einschätzung von Janós Szalay liegt die Arbeitslosigkeit im Land bei durchschnittlich 13 bis 14 Prozent. Erschwerend kommt hinzu, daß Ungarn nach 1989 auf keinerlei soziale Absicherungssysteme zurückgreifen konnte, wie sie etwa in Deutschland bestehen. Eine schlagartige Verelendung weiter Kreise der Bevölkerung war nicht aufzuhalten

In Pecs engagiert sich die Caritas heute in vielfältiger Weise gegen die alltägliche Not. Was ebenfalls nicht einfach ist. Janóz Szalay: "Wir werden vom Staat nicht unterstützt, es ist einfach anders als in Deutschland, wo die Caritas auch von staatlicher Seite ein gesuchter und gefragter Ansprechpartner ist." Die sozialdemokratisch-liberale Regierung zeichne sich statt dessen durch eine kirchenfeindliche Politik aus, die keinerlei Verbindung zu kirchlichen Organisationen suche. Dennoch gelingt es der Diözesancaritas Pecs heute, beachtliche Hilfe für Obdachlose, sehr arme Leute, kinderreiche Familien und Flüchtlinge zu leisten. Speziell für Zigeuner lief kürzlich eine Ausbildung für 23 Jugendliche. In ihren Pfarrgemeinden sollen sie einmal als eine Art Sozialarbeiter tätig werden. Sie erfahren alles, was sie brauchen, um in konkreten Alltagssituationen reagieren zu können

Hilfe, die auch Pfarrer József Lankó, eine Katechetin und zwei Zivildienstleistende in Alsószentmárton Tag für Tag leisten. Sie reicht von der Unterstützung beim Ausfüllen von Formularen, der Stiftung Collegium Martineum für junge Zigeuner, die das Gymnasium besuchen bis hin zum Organisieren einer Küche, in der täglich rund 50 warme Mahlzeiten ausgegeben werden. Dazu kommen die traditionellen sonstigen Aufgaben eines Ortspfarrers

Doch für den Seelsorger József Lankó steht immer der ganze Mensch im Mittelpunkt seines Engagements, und das bedeutet eben nicht nur die Sorge um die Seele. "Wenn die Kinder Hunger haben oder sie brauchen Schuhe, dann muß ich helfen." Daß dies oft bis in die Nacht gehen kann, ist nicht zu vermeiden. Einmal mußte József Lankó eine schwangere Frau im Eiltempo ins Krankenhaus fahren, sie stand kurz vor der Entbindung. "Ich hatte Angst, daß sie es nicht aushält, wußte ich doch gar nicht, was in einem solchen Moment zu tun ist", berichtet der Seelsorger. Lachend fügt er hinzu: "Das habe ich in der Theologie nicht gelernt." Und was er auch nicht lernte, war die Antwort auf die Frage, was ist, wenn der Priester plötzlich eine Familie übernehmen muß

Und genau diese stand für ihn in Alsószentmárton. József Lankó: "Ich habe oft gegen Abtreibung gesprochen und plötzlich blieb ein Mädchen allein zurück im Krankenhaus Siklos, die Eltern wollten es nicht haben. Dann habe ich gedacht, als Priester kann ich leicht gegen Abtreibung reden. Was sollte ich machen, ich nahm die Kleine zu mir." Später kamen zwei Zigeuner-Mädchen aus Jugoslawien dazu, die inzwischen zu ihren Familien zurückkehren konnten. Derzeit leben mit Pfarrer József Lankó und seinem Mädchen noch zwei Jungen im Alsószentmártoner Pfarrhaus. Der eine absolviert eine Lehre zum Maschinenschlosser, der andere sollte aus einem Heim in Pecs geworfen werden, bis ihn der Alsószentmártoner Pfarrer zu sich nahm. "Der Junge hat viel im Kopf und ein gutes Herz, er brauchte einfach eine Familienatmosphäre", betont József Lankó. Inzwischen besucht sein Pflegesohn das Gymnasium in Pecs.

Das Zusammenleben im Dorf vergleicht József Lankó immer wieder mit einer großen Familie. Es hat zwar eine Weile gedauert, bis er von den Bewohnern akzeptiert wurde, doch jetzt gehört er dazu. "Zuerst kamen die Kinder und über sie kamen dann ihre Eltern." Bleibt die Frage was ist, wenn es einmal zu Problemen kommt. József Lankó lächelt: "Wie regiert man, wenn die Kinder Blödsinn machen...?" Und das hin und wieder etwas verschwindet gehört zum Alltag in einem Zigeunerdorf dazu. Nach dem Denken der Zigeuner leben alle Menschen im Grunde in einer Familie, berichtet József Lankó und wenn einer etwas braucht, dann nimmt er es sich. Beispielsweise die Jacke aus dem Schrank, wenn er friert. Einmal, so erzählt der Zigeunerpfarrer, war sein ganzes Zimmer ausgeräumt. Wenige Tage später wurde jedoch alles zurückgebracht

Die Bezeichnung Zigeuner - so Pfarrer József Lankó - heißt Mensch, und Gott hat den Menschen nach seinem Abbild erschaffen, Zigeuner sollten als solche gesehen und behandelt werden, "sie sind auch Abbild Gottes." "Vorurteile und allgemeine Meinungen sind falsch, auch hier leben Menschen wie überall mit Fehlern und Schwächen.

Neben den sozialen Erfahrungen brachte das Leben mit den Zigeunern für József Lankó auch zahlreiche persönliche Bereicherungen mit sich. "Ich mußte neu nachdenken, was das Evangelium für uns und für die Kirche bedeutet, mußte nachdenken, wie es für die Zigeuner verstehbar wird", sagt Pfarrer Lankó. Dabei machte er die Erfahrung, daß die Zigeuner eine sehr tiefe Beziehung zu Gott haben, auch wenn sie manchmal nicht mit dem christlichen Bild übereinstimmt. József Lankó: "Für die Zigeuner ist Gott der da oben, einer der alles sieht und weiß, einer der das Leben koordiniert." Manchmal paßt dieses Bild zur Bibel. Daß Gott aber Vater ist, für die Menschen Gutes tut, dieses Bild muß oft noch vermittelt werden, betont József Lanko und ergänzt: "Das verstehen sie nur, wenn es ihnen vorgelebt wird. Wenn ich einmal etwas mache, was nicht gut ist, dann kommt gleich ihre Frage: Was für ein Priester bist du, wo ist dein Gott?

József Lanko kann es sich nicht mehr vorstellen, Alsószentmárton zu verlassen. Nüchtern sagt er: "Das geht gar nicht". Zahlreiche Kontakte wurden in den vergangenen Jahren aufgebaut. Auch nach Deutschland, beispielsweise zum Zigeunerseelsorger des Bistums Paderborn, Ulrich Weiß, und zur Pfarrgemeinde St. Pius in Witten, die die Menschen in Alsószentmárton unterstützen. Jetzt kommen Kontakte zur Gemeinde Leipzig-Lindenau hinzu, wo Kaplan Thomas Bohne aus Anlaß seines 40. Geburtstages im Mai für eine neue Gemeinschafts-Küche in Alsószentmárton sammeln will. József Lankó und seine Zigeuner sind dankbar für jede Hilfe. Doch der Pfarrer begreift sie nicht als Almosen: "Jede Hilfe hat Sinn, wenn sie persönlich ist. Wir alle sind Schwestern und Brüder und gehören zusammen, egal wo oder wie wir leben. Das verstehe ich unter Katholizität.

Holger Jakobi

Quelle: http://www.tag-des-herrn.de/artikel/3790.php

Abgesehen vom katholischen Gewäsch, ein kleiner, eindringlicher Einblick ins ungarische Zigeunerleben.

Donnerstag, 9. Juli 2009

Anitsemitischer Überfall in Budapest

"Bist Du ein Jude?" - 27-Jähriger von drei Angreifern zusammengeschlagen

Budapest - Ein 27-jähriger Budapester ist offenbar wegen seiner jüdischen Herkunft zusammengeschlagen worden, berichtete die ungarische Tageszeitung "Nepszabadsag". Laut dem Budapester Polizeipräsidium ereignete sich der Angriff am 30. Juni kurz vor Mitternacht, als drei Männer das Opfer bis zu dessen Wohnung in der Dohany-Straße verfolgten. Dort stellte einer der drei Angreifer die Frage: "Bist Du ein Jude?" Als das Opfer mit Ja antwortete, wurde es geschlagen, getreten und als "dreckiger Jude" beschimpft.

Laut Slomo Köves, dem Oberrabbiner der ultraorthodoxen Einheitlichen Israeltischen Kultusgemeinde in Ungarn (EMIH), beschrieb das Opfer die Täter als junge Männer mit Kapuzen. Köves zufolge habe es bereits in den vergangenen Monaten mehrere ähnliche Angriffe gegen Juden gegeben.

Die Gemeinde habe sich laut Köves an Premier Gordon Bajnai mit dem Ersuchen gewandt, möglichst schnell für die Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit zu sorgen und dafür, dass eine "gewaltbereite Minderheit nicht meint, sich alles erlauben zu können". Bereits seit eineinhalb Jahren würde man darum bitten, Polizeischutz für frequentierte Synagogen zu erhalten, doch bisher vergebens, beklagte der 30-jährige Rabbiner, dessen Gemeinschaft in enger Verbindung mit der weltweit tätigen ultraorthodoxen jüdischen Bewegung Chabad Lubawitsch steht.

Premier Bajnai ersuchte Justizminister Tibor Draskovics am Donnerstag, die Tat in der Dohany-Straße, die in Ungarn vor allem für ihre berühmte Synagoge bekannt ist, umgehend zu untersuchen und ihn über die Geschehnisse zu informieren, berichtet die ungarische Nachrichtenagentur MTI. Der Minister soll zugleich Vorschläge zur Vermeidung ähnlicher Angriffe unterbreiten.

Die größte Oppositionspartei, die rechtskonservative Fidesz-MPSZ, verurteilte umgehend die Tat. Die Partei lehne jegliche Gewalt ab, die jemandem wegen seiner Herkunft oder seiner Religion zustoße, erklärte Zoltan Balogh, der auch Vorsitzender des Parlamentsausschusses für Menschenrechte ist, gegenüber MTI. (APA)

Quelle: http://derstandard.at/1246541831533/Anitsemitischer-Ueberfall-in-Budapest
http://index.hu/bulvar/2009/07/08/megvertek_egy_zsido_ferfit_a_dohany_utcaban

Mittwoch, 8. Juli 2009

Körperbehinderter in Siófok angefahren

Ein Rollstuhlfahrer wurde in Siófok auf der Hauptstraße 7 überfahren. Der 69-jährige wurde mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert.
Der Mann versuchte an einem Fußgängerübergang die Straße zu überqueren und wurde von einem Fahrzeug, das aus Richtung Zamárdi kam, angefahren. Laut Aussage des Rollstuhlfahrers fuhr er deshalb nicht über den Zebrastreifen, sondern überquerte in dessen unmittelbarer Nähe die Straße, weil dieser nicht barrierefrei war, obwohl er direkt an einer Bahnstation liegt.

Quelle: mti.hu

Sonntag, 5. Juli 2009

Bis zu 5000 Euro Strafe für zu viel Ungarisch

Nach der Verabschiedung eines neuen slowakischen Sprachgesetzes kracht es zwischen Budapest und Bratislava wieder gewaltig
Ungarn will den Europarat anrufen. Zum Streit soll auch die Wirtschaftskrise beigetragen haben.


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Wien - Für jedes falsche Wort droht eine Geldstrafe: Die Lehrer in den slowakischen Schulen müssen sich ab September am Riemen reißen, zumindest wenn sie der ungarischen Minderheit angehören. In Klassen dürfen sie wie bisher ungarisch mit ihren Schülern reden. Aber mit den Kollegen in den Pausen darf künftig nur mehr auf Slowakisch getratscht werden, sonst droht eine Geldstrafe.

So interpretieren die Juristen im ungarischen Außenministerium das neue slowakische Sprachgesetz. Seitdem der Rechtstext in der vergangenen Woche von den Regierungsparteien durch das Parlament in Bratislava gepeitscht wurde, fliegen zwischen Ungarn und der Slowakei wieder die Fetzen.

Schriftgröße als Politikum


Die ungarische Regierung sieht in dem Gesetz eine klare Verletzung der Minderheitenrechte, ein geplantes Treffen der beiden Premierminister wird entfallen. Die rechtskonservative Oppositionspartei Fidesz geht einen Schritt weiter und spricht gar von Ungarnverfolgung. Ungarn müsse endlich begreifen, dass die Slowakei ein unabhängiges Land ist, lautet die Replik aus Bratislava.

Was die Gemüter so erhitzt, ist ein auf den ersten Blick unscheinbares Gesetz, das den Gebrauch der slowakischen Sprache in der Öffentlichkeit regeln soll. Für die über eine halbe Million ungarischsprachiger Slowaken bringen die neuen Bestimmungen aber Einschränkungen. Auf Werbetafeln sowie in allen öffentlichen Ankündigungen muss künftig immer zuerst der slowakische Text abgedruckt werden.

Auch Texte auf historischen Gedenktafeln müssen zuerst slowakisch verfasst sein, für die ungarische Übersetzung gilt eine maximale Schriftgröße. Geografienamen, etwa in Schulbüchern, dürfen künftig nicht mehr allein auf Ungarisch stehen. Laut der ungarischen Leseart schränkt das Gesetz sogar ein, wann ein Arzt mit seinen Patienten ungarisch sprechen darf. Für Verstöße drohen zwischen 100 und 5000 Euro Strafe.

Geschwächtes Ungarn

"Kein Mensch glaubt, dass das Gesetz wortgetreu umgesetzt wird, aber es erlaubt den slowakischen Behörden, jederzeit gegen die ungarische Minderheit vorzugehen" , sagt ein ranghoher Beamter im ungarischen Außenministerium. Ungarn will nun den Europarat und die OSZE in dieser Causa anrufen.

Die slowakisch-ungarischen Beziehungen sind traditionell schlecht und haben 2008 einen Tiefstand erreicht. Politologen sprechen vom angespanntesten Verhältnis zweier EU-Staaten.

Dass die Slowakei den Konflikt jetzt erneut anfacht, hängt laut dem ungarischen Außenministerium auch mit der Wirtschaftskrise zusammen: Ungarn stehe massiv geschwächt da, der Moment sei für die Slowakei günstig, um Streitfragen zu klären. Zudem stehen 2010 Wahlen an, und der slowakische Premier Robert Fico dürfte auf die Unterstützer der rechten Slowakischen Nationalpartei schielen.

Der slowakische Politologe Tomáš Strážay glaubt zudem, dass die Slowakei Druck auf Ungarn ausüben will, um die Auflösung des ungarischen Karpatenforums zu erreichen. In dem 2004 gegründeten Forum treffen sich ungarische Politiker aus der gesamten Karpatenregion. Das Forum ist in Ungarn rechtlich anerkannt und darf dem Parlament Vorschläge übermitteln. Weil damit slowakische Politiker an das ungarische Parlament angebunden sind, ist Bratislava erzürnt. Ungarn sah dagegen bisher keinen Grund für ein Entgegenkommen.
Quelle: (András Szigetvari/DER STANDARD, Printausgabe, 6.7.2009)

Dienstag, 16. Juni 2009

Schweinshaxen im Holocaust-Denkmal

Unweit des ungarischen Parlaments gibt es am Donauufer ein Denkmal für die Opfer des Pfeilkreuzler-Terrors 1944/45. Schuhe aus Bronze gegossen, die daran erinnern, dass an dieser Stelle einige tausend Juden von den ungarischen Nazis in die Donau geschossen worden sind.

Unbekannte Rechtsextreme haben in der Nacht auf Montag Schweinshaxen in die Schuhe gesteckt. Auf einem rechtsextremen Internetportal meine man, das sei die Reaktion auf den Abruch des Turul-Denkmals im 12. Budapester Gemeindebezirk. Der Turul ist ein Fabelwesen und symbolisiert das "Urungarische". Letztes Jahr war ihm im 12. Bezirk ohne Baugenehmigung ein Denkmal errichtet worden.

Unheil in Ungarn

Hetze gegen "Zigeuner", Juden, Intellektuelle: Rechtsextreme setzen in Ungarn den Staat unter Druck und tragen den Nationalismus in die Nachbarländer.

Von Michael Frank

Mutige Menschen, die vor zwanzig Jahren mit ihrer Zivilcourage Mitteleuropas Sowjet-Diktaturen ein Ende bereitet haben, sind heute zutiefst verzagt. Gerade wer in Ungarn den Umbau des Zwangsstaates in eine demokratische Gesellschaft mit angetrieben hat, fürchtet sich aus gutem Grund.

Heute wie damals kann man sich kaum mehr auf ungarischem Boden treffen und eindeutig zur politischen Entwicklung äußern. "Wir werden nicht vor den Angriffen der Rechtsextremisten geschützt, sondern die Polizei schützt diese Leute", sagen bekenntnisstarke Demokraten, die besser nicht genannt werden sollten. Kritische Intellektuelle sind auf offener Straße angegriffen und niedergeschlagen, Wohnungen verwüstet worden. Eine Mordserie hat Roma getroffen, gezielte Bluttaten mit Brandstiftung und Gewehrfeuer.

Der Generalstaatsanwalt in Budapest hat soeben ein Machtwort sprechen und der Polizeigewerkschaft Tettrekesz (Tatbereit), die fast ein Fünftel der magyarischen Ordnungshüter vertritt, die vertragliche Zusammenarbeit mit der Neonazipartei Jobbik (Bewegung für ein besseres Ungarn) verbieten müssen.

Jobbik hetzt gegen "Zigeuner", Juden, Intellektuelle. Jobbik hat die "Ungarische Garde" gegründet, die uniformiert und mit Faschistenfahne aufmarschiert, Dörfer terrorisiert, bei martialischen Vereidigungen gegen "Zigeunerkriminalität" und für ein "reines Ungarntum" agitiert. Jobbik hat bei der Europawahl aus dem Stand 14 Prozent errungen.

Nährboden dieser Entwicklung ist der Hass, mit dem die traditionellen Nachwendeparteien - die nationalkonservative Fidesz und die Sozialisten - die politische Atmosphäre Ungarns vergiftet haben. Unwillig und unfähig sind sie, gemeinsam die Krise zu bekämpfen.

Und Fidesz-Führers Viktor Orban betreibt ein gefährliches Spiel, wenn er das Parlament auszuhebeln versucht und mit Massenaufläufen die Meinungs- und Willensbildung der Straße anheimstellt. Das sind bedenkliche Zersetzungseffekte im demokratischen Stammhirn Ungarns.

Selbst wenn Fidesz die nächste Wahl gewinnen wird, lassen sich die Probleme nicht heilen. Orbans Schwur, niemals mit Jobbik zu koalieren, klingt spätestens seit dem Erfolg der Rechtsextremen bei den Europawahlen hohl: Seit Jahren vertritt er ähnliche Thesen, ohne gewalttätige und offen rassistische Appelle eindeutig zu verurteilen.

Die Aggression nach außen

Dem Druck im Inneren folgt die Aggression nach außen: Nicht nur im Lager der chauvinistischen Rechten spielt man noch immer mit der Traumatisierung Ungarns nach dem Ersten Weltkrieg, als durch die Grenzziehung große magyarische Volksgruppen vom Mutterland abgeschnitten wurden.

Nun kursieren wieder die Thesen von der angeblichen Unterdrückung auf fremdem Boden und Bedrohungsszenarien für die magyarische Identität. Das sorgt bei den Nachbarn für Aufruhr. Wenn Oppositionsführer Orban von der Vertretung aller Magyaren im ganzen Karpatenbecken - also auch in den Nachbarstaaten - schwadroniert, dann weckt er den Nationalismus in eben diesen Länder.

Sollte Fidesz, erst mal an der Macht, erneut versuchen, allen Magyaren in den Nachbarstaaten die ungarische Staatsbürgerschaft per Gesetz zuzuweisen, bräche die Krise offen aus. Die Nachbarn interpretieren dies als offene Konfrontation, als Eingriff in die immer delikate Minderheiten-Thematik. Rund um Ungarn geht es um Machtansprüche über drei Millionen Menschen.

Damit würde alles gefährdet, was das Ungarn der Nachwende-Zeit an vorbildlichen Minderheitengesetzen und an Versöhnungsgesten zu Stande gebracht hat. Begreift sich Europa wirklich als Friedensprojekt, muss es Mittel der Mäßigung gegen die unheilvolle Entwicklung in einem ihrer Schlüsselstaaten finden. Die EU muss eingreifen. Auf wen sonst sollte setzen, wer totalitäre Züge in Gesellschaft und Nation aufsteigen sieht.

(SZ vom 16.06.2009/segi)
http://www.sueddeutsche.de/politik/683/472210/text/

Montag, 15. Juni 2009

Brauner Dammbruch bei den Nachbarn: Ungarn auf dem Weg in den Faschismus?

Rechtspopulisten und Rechtsextreme kamen bei der EU-Wahl zusammen auf über 70 Prozent der Stimmen. Ein Staat mitten in Europa droht im Faschismus zu ersticken.

Gregor Mayer, Budapest

Man kann nicht behaupten, Gabor Vona, der nie lächelnde Chef der rechtsextremen Partei Jobbik (Die Besseren/Die Rechteren), hätte nicht einen gewissen Sinn für Humor. Eine seiner Ansprachen begann der 31-Jährige im vergangenen Oktober mit folgender Sottise: „Wer kennt den Witz? Ferenc Gyurcsany (der in diesem März zurückgetretene sozialistische Ministerpräsident, Anm.) kommt ins Gefängnis und muss sich die Zelle mit einem zwei Meter großen, sexbesessenen Metalldieb (Synonym für kriminelle Roma, Anm.) teilen. Kennen Sie ihn? Nein? Ich leider auch nicht, aber er fängt gut an.“

Die Partei, die gegen Roma und Homosexuelle hetzt und mit antisemitischen Botschaften operiert, hat bei der Europawahl am vorvergangenen Sonntag aus dem Stand her­aus 14,8 Prozent der Stimmen geschafft und drei von insgesamt 22 Mandaten erzielt. Doch auch der rechtspopulistische Bund Junger Demokraten (FIDESZ) schnitt mit 56,4 Prozent besser ab als bei jeder Wahl zuvor. Geführt wird diese Partei von dem ehemaligen Ministerpräsidenten Viktor Orban, der den noch regierenden Sozialisten mit „Abrechnung“ und Strafverfolgung droht und gegen das „internationale Finanzkapital“ wettert. Er träumt von einer Zweidrittelmehrheit bei der nächsten Wahl – spätestens im kommenden Frühjahr –, um dann ein autoritäres Präsidialsystem einzuführen.

In vielen EU-Ländern gewannen modernisierungsfeindliche, xenophobe und braune Parteien kräftig dazu. Doch nur in Ungarn entfielen auf rechte Populisten und Rechtsextreme zusammengenommen über 70 Prozent der abgegebenen Stimmen. Oft und immer wieder wurde beim Aufstieg populistischer oder faschistoider Kräfte geunkt, dieses oder jenes Land drohe dem Faschismus anheimzufallen. Immer wieder entpuppte sich solches Gerede als schierer Alarmismus. Doch Ungarn, wo sich in den vergangenen Jahren autoritäre Haltungen und aggressive Vorurteile gegen die Roma tief in der Mitte der Gesellschaft festgesetzt haben, könnte tatsächlich auf dem Weg dorthin sein.

Totgeschlagen. Jene, die dagegenhalten könnten, sind demoralisiert. Die derzeit allein regierende Ungarische Sozialistische Partei erlitt mit 17,4 Prozent ein schweres Debakel. „Man hat uns totgeschlagen“, seufzte die sozialistische Spitzenpolitikerin Katalin Szili resigniert am Tag danach. Der frühere Koalitionspartner, der Bund Freier Demokraten, schlitterte überhaupt in die Katastrophe. Mit nur 2,2 Prozent der Stimmen stehen die aus der alten Dissidentenbewegung hervorgegangenen Liberalen vor dem Ende als eigenständiger politischer Akteur.

Ins Wanken kam Ungarns Demokratie im Herbst 2006. Die berüchtigte Skandalrede Gyurcsanys, in dem dieser an seine Partei appellierte, endlich mit dem Lügen aufzuhören, drang an die Öffentlichkeit. Wochenlang ließen von der Rechten angefachte Unruhen das Land erbeben. Der Putschversuch misslang, doch Gyurcsanys Regierung war entscheidend geschwächt. Der FIDESZ unter Orban torpedierte jegliche wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Reformversuche mit populistischen Volksabstimmungen. Vor einem Jahr zerbrach die sozialliberale Koalition. Gyur­csany trat im März zurück. Orban trieb die immer glanz- und mutloser agierenden linken Regierungen vor sich her. Doch mit der Jobbik-Bewegung ist auf einmal eine neue Kraft da, die behauptet, das alles noch viel besser zu können. Jobbik redet nicht nur, sondern erweckt auch den Anschein der Handlungsfähigkeit.

Entmenscht. Im August 2007 gründete Gabor Vona die „Ungarische Garde“, eine paramilitärische Truppe mit Uniformen, die in Schnitt und Muster an jene von NS-Militärformationen erinnern. Die Garde veranstaltet martialische, bedrohlich wirkende Aufmärsche in Roma-Gemeinden. Jobbik und Garde mobilisieren mit dem Versprechen, effektiv gegen die „Zigeunerkriminalität“ zu kämpfen, vor allem ärmere Menschen, die in unmittelbarer Nachbarschaft zu verelendeten und sozial verwahrlosten Roma leben. Als „staatlich subventionierte Zigeunerzucht“ bezeichnete der Jobbik-Vize und frisch gebackene Europaabgeordnete Csanad Szegedi im Wahlkampf die Sozialhilfen, die an Roma gehen. „Barikad.hu“, die Internetseite der Jobbik, präsentierte wochenlang einen Comicstrip, der Jean de La Fontaines Fabel „Die Grille und die Ameise“ abwandelt und die Roma in „Stürmer“-Manier als entmenschte Schmarotzer und Vergewal­tiger zeigt.

Die Hetzstrategie ging auf. In Nord- und Ostungarn, wo es einen hohen Roma-Bevölkerungsanteil gibt, erhielt die Jobbik bei der Europawahl mehr Stimmen als die Sozialisten. Diese Gebiete, in denen Industrieruinen wie die Stadt Miskolc oder die frühere Stahlschmiede Ozd liegen, waren bislang linke Hochburgen. Die Dynamik ist alarmierend. Hatten nicht auch Hitlers Nazis bei ihrem Aufstieg davon profitiert, dass ihnen angesichts der Wirtschaftskrise massenhaft Arbeiter zuliefen, die zuvor kommunistisch und sozialdemokratisch gewählt hatten?

Das von den Rechtsextremen geschürte Klima provozierte bereits rassistisch motivierte Morde. Fünf Roma starben seit letztem November bei bewaffneten Anschlägen auf ihre Elendshütten. Bei einer dieser Bluttaten wurden ein Vater und sein fünfjähriger Sohn erschossen. „Nicht einmal der Tod dieses Kindes hat das Land erschüttert“, gibt die Budapester Soziologin Maria Vasarhelyi zu bedenken. Für den Aufstieg der Jobbik macht sie vor allem Viktor Orban verantwortlich. „Er hat den Boden dafür bereitet.“ Als der 2002 die Wahlen relativ überraschend verlor, wollte er sich mit dem Ergebnis nicht abfinden. Er rief seine Anhänger dazu auf, gegen die „Wahlfälschung“ zu demonstrieren und sich in so genannten „Bürgerkreisen“ zu organisieren. So versuchte er, den Machtanspruch seiner Partei wachzuhalten. Eine Gruppe von jungen Männern Anfang 20, die nach nationalem Radikalismus dürsteten, nahm die Aufforderung ernst.

Der Geschichtsstudent Gabor Vona kam aus der Hochschülerschaft, andere aus der 2002 gleichfalls gescheiterten Ungarischen Wahrheits- und Lebenspartei des Antisemiten Istvan Csurka. Sie nutzten die „Bürgerkreise“ als Betätigungs- und Mobilisierungsplattform für den zielstrebigen Aufbau ihrer Jobbik. Orban hatte schon in seiner Regierungszeit (1998–2002) einen Hofstaat rechtsradikaler Publizisten aufgepäppelt. Die Wahlniederlage bestärkte ihn in seinem Credo, dass Ungarns Rechte „ein Lager, eine Fahne, einen Führer“ habe.

Orbans rechtsextreme Kampfschreiber versuchen indes, in Sachen Radikalität den vor allem im Internet agierenden Jobbik-Propagandisten Paroli zu bieten. Sieben Jahre derartiger extremistischer Mobilisierung haben das Meinungsklima in Ungarn nachhaltig verändert, stellt Vasarhelyi fest. „Der öffentliche Diskurs ist so verkommen, dass aggressive, obszöne, rassistische Äußerungen niemanden mehr vom Hocker reißen. Sie erscheinen vielfach sogar als normal.“ Eine Teilverantwortung falle auch den linksliberalen Regierungsparteien zu, die „in sieben Jahren kaum etwas weitergebracht haben“.

Pfeilkreuzler. Das Elend der ländlichen Roma, ihre Entkoppelung von der allgemeinen Gesellschaftsentwicklung, habe sich selbst noch zu einer Zeit verschärft, als der durchschnittliche Lebensstandard im Land gestiegen war. „Die Bürgermeister und Bewohner dieser Regionen fühlten sich mit den daraus resultierenden Problemen völlig alleingelassen.“

Vasarhelyi, die wegen ihrer schonungslosen Kritik an den ungarischen Zuständen selbst immer wieder zur Zielscheibe medialer Angriffe der Rechten wird, hofft, dass sich im FIDESZ, wenn er einmal an der Macht ist, „eine nüchterne, pragmatische Strömung durchsetzt“. Ob es dazu je kommen werde, weiß sie aber nicht. Andere bauen wiederum darauf, dass ein Land inmitten der EU nicht einfach zur braunen Diktatur mutieren kann – auch wenn Gabor Vona wiederholt damit droht, im Falle der Macht­erringung die privaten Fernsehsender TV 2 und RTL Klub zu schließen, Betreiber und Redakteure aus dem Land zu werfen und „ihre Fernsehstationen dem Erdboden gleichzumachen“.

Orban hingegen suggeriert, alles im Griff zu haben. „Mit der Ungarischen Garde“, gab er einmal die Richtung vor, „werden wir fertig wie damals Horthy mit den Pfeilkreuzlern: mit zwei Ohrfeigen.“ Was Orban nicht erwähnte: Der rechts-autoritäre Reichsverweser Miklos Horthy musste im Oktober 1944 zurücktreten, um der faschistischen Terrorherrschaft der Pfeilkreuzler Platz zu machen.

von profil.at