Sonntag, 16. August 2009

Anmerkungen zu Allen Carrs "Endlich Nichtraucher"


Lange Zeit habe ich geraucht, fünfzehn Jahre waren es - ich weiß auch noch genau, wann ich mir das erste Päckchen gekauft habe - am 30. April 1994 und zwar aus Trotz. Damals hatte mich meine liebe wegen eines Amtmannes mit fixem Verdienst und Wohnung stehen gelassen; und ich - im fabrizieren von Selbstmordphantasien noch herrlich ungeübt - hab mir eine Schachtel Zigaretten gekauft, Casablanca waren es, weil ich mir das Rauchen angewöhnen wollte - mit nur teilweise bewußter selbstmörderischer Absicht. Und es ist mir auch gelungen. Als mir die Filterzigaretten zu teuer wurden, weil der Verbrauch zu hoch, hab ich gedreht, in Ungarn aber nur mehr Filterzigaretten geraucht, weil hier ja für unsere Verhältnisse billiger - für mein hiesiges Einkommen eigentlich nicht. Ich habe immer viel geraucht, von Anfang an - und habe auch nie wirklich übers Aufhören nachgedacht, hat mich nicht interessiert und das Rauchen hat mir bis zum Schluß auch keine körperlichen Schwierigkeiten bereitet. Überhaupt nichts - ein bißchen schwerer Luft bekommen, aber das ist ja ganz normal. Während meines Freistadtaufenthalts sind mir nun mal wieder die Zigaretten ausgegangen - 4 Stangen waren für 3,5 Wochen nicht genug; und weil ich es schon vor 5 Jahren einmal auf die gleiche Weise versucht habe - durch Ende des Zigarettenvorrats, hab ich mir gedacht, ich versuche es wieder, denn das Ende des Vorrats zeichnete sich schon ab. Mein kleines Schwesterchen warf mit dann, als ich ihr meine Absichten erwähnte, beiläufig erwähntes Buch vor der Nase auf den Tisch. Ich hatte mich immer geweigert, das Buch zu lesen, vielleicht weil meine Cousine seinerzeit so von ihm geschwärmt hatte und mich vom Nichtrauchen überzeugen wollte (wie ich erfahren habe, hatte es auch alle meine rauchenden Geschwister gelesen - und danach auch für kürzere oder längere Zeit mit dem Rauchen aufgehört). Also jetzt schaute ich also doch ins Buch - Sommer war es, und ich hatte eh schon 2,5 anspruchsvolle Bücher in drei Tagen gelesen.
Carr argumentiert gut und einleuchtend, und was ihn sympathisch macht, ist, daß er nicht wie die meisten Exraucher allen anderen mit feurigem Schwert diese Sucht austreiben will. Ja, wenn man akzeptiert, daß Rauchen eine Sucht ist - das ist uns Rauchern eigentlich nie bewußt - hat man gleich einen ganz anderen Ausgangspunkt zum Abgewöhnen.
Wenn man akzeptiert, daß man süchtig ist und nicht nur einer blöden Angewohnheit frönt. Carr weiß auch, was wir nicht zugeben wollen: Daß von den vielen Zigaretten uns eigentlich nur ab und zu eine schmeckt. Unsere Nikotinabhängigkeit aber immer nach mehr verlangt.
Carrs Argumentation ist vollkommen nachvollziehbar, wenn man ein geregeltes Leben führt, sowas wie glücklich ist, Geld verdient und nur mehr das Nichtrauchen zum absoluten Glück fehlt. Bei Menschen, die weit davon entfernt sind, oder solchen, die vielleicht sogar mit dem Hang zur Selbstzerstörung rauchen - greifen dann die Argumente schon eher weniger, was vielleicht mit ein Grund ist, daß das Buch in Ungarn einmal verlegt worden ist (1988) und seitdem nie wieder erschien.
Heute ist Tag 9 meiner Entwöhnung und die körperliche Nikotinabhängigkeit ist, denk ich, überwunden. Was nicht überwunden ist, ist die Assoziation von bestimmten Situationen mit dem Rauchen einer Zigarette. Derweil ich in Freistadt war, war es sehr einfach - und bevor ich zurückgekommen bin in die Republik Schilda, hab ich mir gedacht, ich hab's im großen und ganzen geschafft. Schön getäuscht hab ich mich: In Freistadt gibt es einfach weniger Situationen, die ich mit einer Zigarette verbinde, weil ich wenig in Freistadt bin. Gerade mal nach dem Essen und auf dem Spielplatz kam mir der Gusto auf einen Tschick. Hier, in Budapest, ist einfach alles mit dem Rauchen von Zigaretten verbunden. Jede Minute und jede Sekunde, weshalb ich zurzeit mehr zu kämpfen habe, als an den ersten Tagen, die ja dem Volksmund nach beim Abgewöhnen immer am schwierigsten sind. Darauf geht Carr nicht sonderlich ein - daß es bestimmte Alltagshandlungen sind, die fix mit einer Zigarette verbunden sind und diese Alltagshandlungen es so schwierig machen, mit dem Rauchen aufzuhören. Die körperliche/chemische Abhängigkeit ist schnell überwunden, und nicht sonderlich schwierig. Die blöde Angewohnheit ist da schon was Anderes. Und die Angewohntheit kann einen umbringen und rückfällig machen. Andere Raucherentwöhnungsliteratur, derer es ja viele gibt, empfiehlt die Alltagssituationen anders zu gestalten - mit einem einfachen Beispiel: zB. Tee am Morgen zu trinken, statt dem Kaffee, wenn dieser immer mit Zigarette verbunden war. Das mag schon funktionieren, nur wenn ich mir dann dann sicher bin, in zwei, drei Monaten, und mir in der früh wieder Kaffee koche, beginnt das ganze wieder von vorn - und obwohl man drei Monate nichts geraucht hat und glaubt, man hat es überstanden, kommt zum Morgenkaffee wieder der unzügelbare Gusto, sich eine anzuzünden.
Aber wir nichtrauchenden Raucher dürfen uns nie wieder eine anzünden, ja nicht einmal einen Zug machen, sonst rauchen wir 3 Wochen später wieder unsere 2 Päckchen (ja übrigens in der Medizin gibt es die Maßeinheit "packs per year" - eine Packung pro Tag, ein Jahr lang; ich war so bei 20 packs per year, ab 40 treten normalerweise grobe gesundheitliche Schwierigkeiten auf). Das mit den 2 Päckchen stimmt, ich weiß es aus eigener Erfahrung.
Ich gebe Carr also einerseits recht - was seine Argumente angeht. Jeder, der raucht, ist ein Trottel. Mit dem sich ständig Vorsagen von "Endlich bin ich von dem Laster befreit", können nur heillose Optimisten was anfangen. Und so leicht ist es nicht, wie er meint. Aufhören uns bums. Wenn der Alltag nicht wäre, dann vielleicht. Aber ich denke, auch wenn ich jetzt für eine Jahr auf Weltreise gehe und nach diesem Jahr mir zuhause meinen Kaffee braue und an meinen gewohnten Platz setze, werde ich, obwohl ich schon lange vergessen habe, daß ich einmal rauchte, wieder genau den Gusto verspüren, wie in der aktiven Zeit. Und die ganze Qual mit der Entwöhnung beginnt von vorn.

1 Kommentar:

Ursula hat gesagt…

Lieber Clemens, der Mensch ist ein Gewohnheitstier und deshalb glaube ich, dass nach langer Zeit die Alltagssituationen mit dem Nicht-Rauchen verbunden werden. Ich weiß aber auch von einigen, die seit 5 oder 10 Jahren nicht mehr rauchen, dass sie immer wieder Gusto haben.
D.h. man muss sich immer wieder aufs Neue fürs Nicht-Rauchen entscheiden...
B, Ursula